Zimmerwalds Kampf ums Vergessen

Lenin und Trotzki trafen sich 1915 mit Sozialisten aus aller Welt in Zimmerwald. Das Manifest, das sie verabschiedeten, wurde zum Grundstein für die russische Revolution. Zimmerwald schrieb Weltgeschichte und tut sich noch heute schwer damit.

Nichts erinnert in Zimmerwald an die berühmte Konferenz vor 100 Jahren. Kein Schild, keine Tafel. Die Gemeinde hat in der Vergangenheit alles unternommen, um die Spuren zu tilgen. Die Pension Schenk, wo Lenin und Trotzki logiert haben sollen, wurde abgebrochen, damit die Strasse verbreitert werden konnte. Den Zimmerwaldnern sei das gerade recht gewesen, vermutet Gemeindepräsident Fritz Brönnimann.

Was Anfang September 1915 genau passierte, weiss niemand so genau. Akten gibt es keine. Vier Fuhrwerke sollen die rund 40 Teilnehmenden von Bern nach Zimmerwald gebracht haben. Sie hatten sich als Vogelkundler ausgegeben. Organisiert hatte diese Konferenz der Berner Arbeiterführer und spätere Nationalrat Robert Grimm. Erst im Nachhinein erfuhr das Dorf, wer da zu Besuch gewesen war. Man fühlte sich übertölpelt. Zum Entsetzen kam die Scham.

Kein Lenin in Bronze

Auf Briefe von Lenin-Sympathisanten antworteten die Behörden sec oder gar nicht. Zimmerwald wollte nur eines: Vergessen und ja nicht zum Wallfahrtsort werden. Anfang der 1960-er Jahre erliess die Gemeinde ein Verbot für jegliche Denkmäler. Zum 50-Jahr-Jubiläum organisierten die Behörden einen einwöchigen Anlass, eine durch und durch antikommunistische Veranstaltung.

2015 lädt Zimmerwald wieder ein. Ein schlichter Gedenkanlass soll es werden. So will die Gemeinde vermeiden, dass «Fremde hier einen Event mit Medienaufmarsch inszenieren». So stehts im Gemeindeblatt. Der eiserne Vorhang ist längst gefallen, ein unverkrampftes Verhältnis mit seiner Geschichte hat Zimmerwald nach wie vor nicht.