Zuerst in die Kirche, dann zum Coiffeur

Sonntag ist Ruhetag. Das auch früher nur bedingt. Bäckereien, Metzgereien oder der Coiffeur auf dem Land durften am Sonntag offen haben. So konnten die Dorfbewohner den Predigtbesuch mit dem Einkauf kombinieren.

Die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten ist ein Politikum - seit Jahren. Für die Gewerkschaften und kirchliche Kreise ist es keine Frage: Der Sonntag ist ein Ruhetag. Liberalisierer rütteln immer wieder daran. Doch: So ruhig war der Sonntag schon früher nicht. Das zeigt die Ausstellung im Dorfmuseum im bernischen Krauchthal «Sonntag - Ruhetag».

Am Sonntag Haare schneiden und Brot einkaufen, das war in Krauchthal anfangs des 20. Jahrhunderts ganz offiziell erlaubt. Das Reglement der Emmentaler Gemeinde aus dem Jahr 1906 beweist das. Es ist im Dorfmuseum ausgestellt.

Am Sonntagmorgen bis 12.00 Uhr und am Nachmittag von 17.00 bis 19.00 Uhr konnten Bäckerei, Metzgerei oder Coiffeur offen haben.

Sonntag - (k)ein Ruhetag

Dieses liberale Reglement hat Ulrich Zwahlen - er ist Lehrer und Museumsleiter - zwar erstaunt, doch dieser Sonntagsverkauf lasse sich einfach erklären, sagt er. «Viele Leute kamen damals nur für die Predigt ins Dorf, weil die Wege so weit waren. Den Kirchgang kombinierten sie dann mit dem Einkaufen.»

Auch sonst war der Sonntag nicht nur Ruhetag. Die Gemeindeversammlung fand am Sonntag statt. Versicherungen zogen an diesem Sonntag im Dorfschulhaus die Prämien ein. Der Sonntag war gewissermassen der Tag für das gemeinschaftliche Leben. «Am Sonntag hatten die Leute Zeit. Denn daneben war Sechtstagewoche mit zehn bis zwölf Arbeitsstunden normal», sagt Ulrich Zwahlen. Er selbst gibt sich zumindest Mühe, den Sonntag als Ruhetag zu begehen.