Löwenberg: Nach Verwirrspiel reagiert jetzt die Politik

Die Kinder im Asylzentrum Schluein haben bis zu einem Viertel weniger Unterricht. Das zeigen Recherchen von «Radio SRF». Das Amt für Migration sagt, diese Schule verfolge spezielle Ziele, das Konzept sei bewilligt. Unklar ist jedoch, wer die Schule beaufsichtigt. Politikerinnen reagieren irritiert.

Schon seit über 20 Jahren verfügt das Bündner Asylheim Löwenberg über eine eigene Schule. Recherchen von «Radio SRF» zeigen, dass es eine Schule mit eigenen Regeln ist, die offenbar niemand kontrolliert.

Gut ein Dutzend Familien mit über 30 Kindern wohnen zurzeit im Transitzentrum in Schluein, einem Dorf in der Nähe von Ilanz. Die Kinder besuchen dort die interne Schule des Heims, sei es Kindergarten, Unterstufe oder Oberstufe.

Bündner Politikerinnen reagieren irritiert

Deutsch und Mathematik

Der Stundenplan der Heimschule ist speziell. Deutsch und Mathematik dominieren, Fächer wie Englisch oder Informatik existieren nicht. «Wir wollen nicht ein Ersatz für die Primarschule sein», sagt Marcel Suter, Leiter des Amts für Migration und Zivilrecht. Ziel sei vielmehr, den Kindern baldmöglichst den Übertritt an eine normale Primarschule oder Oberstufe zu ermöglichen.

Als Zeitrahmen für dieses Ziel gibt Marcel Suter höchstens zwei Jahre an. Dieses Ziel erreichte die Schule in den vergangenen Jahren jedoch nicht. Auf Nachfrage erklärt der Amtsleiter, bis vor kurzem habe kein einziges Kind, das im Transitzentrum wohnt, an die Regelschule gewechselt. Manche seien vier, sogar fünf Jahre dort gewesen.

Bis zu einem Viertel weniger Schule

Manche Kinder besuchten deshalb in der Vergangenheit während mehreren Jahren die Heimschule, die nur über ein reduziertes Angebot verfügt. Zum Vergleich: Ein Kind im Transitzentrum hat bis zu einem Viertel weniger Unterricht als ein Kind an einer Volksschule.Ältere Kinder, die bereits besser Deutsch können, haben über das ganze Jahr gerechnet rund 400 Lektionen weniger Unterricht.

Der Grund für diesen massiv gekürzten Stundenplan liegt in der Vergangenheit. Bis 2006 waren die Familien meistens ein paar Monate oder höchstens ein Jahr im Transitzentrum in Schluein. Dann zogen sie in eine Wohnung, die der Kanton falls nötig finanzierte. Die Kinder wurden dann in der jeweiligen Gemeinde eingeschult.

Strengere Regeln seit 2006

Im Jahr 2006 übernahm das heutige Amt für Migration den Auftrag, für Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden zu sorgen. Der damalige Chef und heutige SVP-Nationalrat Heinz Brand erliess strengere Regeln.

Seither leben Familien bis zu ihrem Asylbescheid im Transitzentrum. Das kann Jahre dauern. In eine eigene Wohnung zu ziehen ist nur möglich, wenn sich die Familie selber finanzieren kann.

Die Kritik: Verpasste Jahre der Integration

Für Gustav Ott, Präsident des Vereins «Hilfe für Asylsuchende» ist dies ein Grundproblem des Bündner Asylwesens. «Wir fordern schon lange, dass Familien in die Gemeinde ziehen können, zwei Jahre im Asylheim sind die obere Grenze.»

Für den Anfang sei eine solche Heimschule sinnvoll. Später aber würden die Kinder in ihrer schulischen Entwicklung zurückgeworfen, es seien verpasste Jahre der Integration.

Trotz dieser Kritik und trotz eines Stundenplans «light»: Bei einer externen Untersuchung, die das Amt für Migration 2009 beim Amt für Volksschule in Auftrag gegeben hatte, erhielt die Schule gute Noten. Die Lehrer seien engagiert, die Kinder würden gut auf die Regelschule vorbereitet.

Unklare Rechtsgrundlage der Schule Löwenberg

Kein Thema bei dieser Untersuchung war der löchrige Stundenplan. Die Begründung auch hier: Löwenberg funktioniere anders als alle anderen Bündner Schulen und verfolge andere Ziele.

Beim Amt für Volksschule verweist man auf einen Regierungsbeschluss von 2002. Das Dokument ist nicht öffentlich. Nur soviel heisst es auf Anfrage: Die Schule im Asylheim müsse nicht die gleichen Ziele verfolgen wie eine Volksschule.

Auch heute, über zehn Jahre später, gilt dieser Beschluss offenbar noch immer. Die Situation im Asylwesen hat sich jedoch stark verändert. Die Kinder bleiben zum Teil jahrelang in der Heimschule, die eigentlich nur für eine kürzere Zeit geplant ist.

Unklare Aufsicht

Sobald die Kinder mehrere Jahre an der gleichen Schule sind, müssten eigentlich die gleichen Regeln gelten wie für die Volksschule, nämlich das Schulgesetz. Hier verweist Marcel Suter vom Migrationsamt auf die Kontrollen durch das kantonale Schulinspektorat: «Wenn wir etwas falsch machen, bin ich gerne bereit, das anzupassen.» Bisher habe sich das Schulinspektorat aber nicht gemeldet.

Hier liegt ein weiteres Problem versteckt, nämlich dass das Bündner Schulinspektorat gar nicht weiss, dass es die Heimschule beaufsichtigen müsste: «Für die Schule Löwenberg haben wir keinen Auftrag», sagt Andrea Caviezel, Leiter des Schulinspektorats.

Verwirrspiel um eine Schule mit eigenen Regeln

Was am meisten erstaunt rund um die Schule im Transitzentrum Löwenberg: Niemand scheint die Übersicht zu haben. Es gibt keine Kontrollen wie sonst üblich in Bündner Schulen, die gesetzliche Basis ist veraltet.

Inzwischen hat auch das Amt für Migration gemerkt, dass Nachholbedarf besteht. Zum ersten Mal überhaupt dürfen drei Jugendliche, die schon seit drei Jahren im Transitzentrum sind, probehalber an die normale Oberstufe. Eine Konzept für den Übertritt gibt es bisher nicht, die Finanzierung ist unklar.

Die anderen Kinder bleiben im Transitzentrum Löwenberg, in einer Schule, für die das Schulgesetz nicht gilt. Sie fallen zwischen Stühle und Bänke in einer Schule mit eigenen Regeln, die nicht beaufsichtigt wird.