«Mamma Helvetia»: Ein Sammelsurium der Kritikfolklore

Die Schweiz im Original-Ton – das verspricht ein neuer Theaterabend in Chur. In «Mamma Helvetia» versammelt Regisseur Georg Scharegg Zitate zum Thema. Der Theaterabend soll ein Streifzug durch die Schweizer Befindlichkeit sein, verzettelt sich jedoch.

Szenenbild des Stücks «Mamma Helvetia»

Bildlegende: Was macht die Schweiz heute aus? Das Stück «Mamma Helvetia» soll eine Reise durch Schweizer Befindlichkeiten sein. ZVG

Wie klingt die Schweiz? «Übere Gotthard flüge d Brääme» stimmt das Akkordeon zu Beginn des Theaterabends an: Der Gotthard steht als Sinnbild für die Schweiz, für ein Land, das sich nicht entscheiden kann zwischen Rückzug ins Réduit und internationaler Vernetzung – das zielt mitten ins Herz: Das Herz der Alpenfestung.

In «Mamma Helvetia» geht um die Schweiz im Originalton. Auf die Bühne kommen quasi ungefiltert Zitaten und Versatzstücke, die Regisseur Georg Scharegg gesammelt hat: In öffentlichen Verlautbarungen und privaten Interviews, in den Leserbriefspalten der Zeitungen und in Chat-Foren im Netz. Es ist eine martialische Schweiz, die Scharegg in seinen Recherchen offenbar aufgefunden hat, eine konservative und ländliche Schweiz, berglerisch zerstritten und angstvoll ihren Traditionen verhaftet.

Kritik-Folklore ersetzt das verkitschte Brauchtum

Eins kommt da zum anderen, aber es will sich nicht zu einem Ganzen fügen: Es fehlt der dramaturgische Kitt. Es gibt viele bunte Einzelteile an diesem Abend, manche sind hoch komisch, andere eher banal, über die eindreiviertel Stunden Dauer verzetteln sie sich. Vom Alpenréduit geht es zum Dichtestress, vom Föderalismus zur Kulturfeindlichkeit und von den Banken zum Röstigraben – vieles wird angetippt, wenig bleibt haften.

Schnell sind die falschen Töne in Folklore-Kommerz und Politiker-Poesie freigelegt, aber der Erkenntnisgewinn bleibt bescheiden. Vieles an diesem Abend wirkt selber klischiert, immer stärker drängt sich die Frage auf: Ist die aktuelle «Schweizer Befindlichkeit» tatsächlich derart ausschliesslich mit Älplerfolklore und Rekrutenschule befasst?

Georg Scharegg denunziert in «Mamma Helvetia» die Folklore, das verkitschte Brauchtum – was er selbst macht, ist im Grunde auch eine Art Folklore. Einfach mit umgekehrtem Vorzeichen: Kritik-Folklore. Der Schriftsteller Hugo Loetscher hat einst einen schönen Begriff dafür gefunden: «Negativ Jodeln».