«Jeder Mensch hat eine Scheinwelt»

Im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt von Rapperswil-Jona wurde vor Gericht immer wieder auf die Persönlichkeitsstörung des Angeklagten hingewiesen. Es wird vermutet, dass er jahrelang in einer Scheinwelt gelebt und sich so immer mehr abgekapselt hat.

Ein Portrait von Thomas Knecht.

Bildlegende: «Menschen, die in einer Scheinwelt leben, kapseln sich häufig ab», sagt Psychiater Thomas Knecht. zvg

Jeder Mensch habe Bereiche, die er als seine eigene Welt, seine Scheinwelt definiere, sagt Psychiater Thomas Knecht vom Psychiatrischen Zentrum Ausserrhoden. Das treffe nicht nur auf Psychiatriepatienten zu. Der Hauptunterschied liege aber darin, dass beim «Normalbürger» der soziale Bereich, der die Wirklichkeit repräsentiere, überwiege.

Von Umwelt abkapseln

«Häufig kapseln sich Menschen, die zu sehr in einer Scheinwelt leben, von der Umwelt ab», so Knecht. Dies könne gefährlich werden. Denn: «Die eigene Welt legt sich jemand zurecht.» Wenn jemand eindringt und dadurch die Scheinwelt zerstören könnte, ist es laut Knecht durchaus möglich, «dass dieser jemand als Feind wahrgenommen wird, den man aggressiv abwehren muss.»

Im Fall des Tötungsdelikts von Rapperswil-Jona bestreitet der mutmassliche Täter vehement, im März 2011 einen Hauswart mit einer Schrotflinte erschossen zu haben. Auch dies passe ins Bild von jemandem, der in einer Scheinwelt lebe, so der forensische Psychiater.

Das Urteil des Kantonsgerichts wird in den nächsten Tagen erwartet. Die Anklage fordert für den 59-jährigen Angeklagten eine Freiheitsstrafe von 18 Jahren mit anschliessender Verwahrung. Die Verteidigung plädiert auf Freispruch. Bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.