Späte Geste für den ehemaligen Kommandanten

21 Jahre nach seiner politischen Rehabilitierung ist der St. Galler Polizeikommandant und Flüchtlingsretter Paul Grüninger (1891-1972) heute, 42 Jahre nach seinem Tod, auch von der Kantonspolizei rehabilitiert worden. Der feierliche Akt fand im Pfalzkeller statt.

Der St. Galler Polizeikommandant und Flüchtlingsretter Paul Grüninger (1891-1972) ist von der Kantonspolizei in einem feierlichen Akt rehabilitiert worden. Grüningers Tochter Ruth Roduner (92) enthüllte eine Gedenktafel beim Eingang zum Polizeikommando.

«Er rettete vor dem Zweiten Weltkrieg vielen verfolgten Menschen das Lebens», heisst es auf der schlichten Tafel über Grüninger, der von 1919 bis 1939 Kommandant der St. Galler Kantonspolizei war. Die Enthüllung der Tafel fand im Beisein von Justiz- und Polizeidirektor Fredy Fässler und von Polizeioffizieren in Galauniform statt.

«Paul Grüninger sollte uns allen ein Vorbild sein», sagte Fässler. Der Kanton St. Gallen dürfe stolz auf seinen ehemaligen Polizeikommandanten sein.

Grüninger habe, nach der Verhängung einer Grenzsperre für jüdische Flüchtlinge im August 1938 durch den Bundesrat, aus Menschlichkeit gegen die Vorsschriften gehandelt.

Beschwerlicher Weg zur Rehabilitation

Eine solche Haltung brauche «Mut und Unerschrockenheit - auch heute noch», etwa in der aktuellen asylpolitischen Diskussion. Die Rehabilitierung Grüningers sei leider ein beschwerlicher Weg gewesen und habe mehrere Jahrzehnte gedauert, sagte der Justiz- und Polizeidirektor. Die Rehabilitation durch die Kantonspolizei sei eine Geste, die er wärmstens unterstütze.

Die Idee dazu kam aus dem Polizeikorps selbst. Mit ein Grund könnte der Kinofilm «Akte Grüninger» sein, der die Geschichte Grüningers ins öffentliche Bewusstsein rückte.

Grüningers Tochter Ruth Roduner, bald 93 Jahre alt, zeigte sich in einer Ansprache erfreut über die Ehrung. Ihr Vater habe, trotz der harten Konsequenzen seines Handelns für ihn und die Familie, nie etwas bereut und bis zu seinem Tod weder Groll noch Verbitterung gezeigt. «Wir werden immer stolz auf ihn sein.»

1939 fristlos entlassen

Polizeikommandant Paul Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 1939 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung. Trotz Schweizerischer Grenzsperre nahm er sie in St. Gallen auf. Um sie zu schützen, missachtete er Weisungen des Bundes und Gesetze.

1939 entliess die St. Galler Regierung den Polizeikommandanten fristlos. 1940 wurde er wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Bis zu seinem Tod lebte Grüninger in Armut.

1993 politisch rehabilitiert

1993 rehabilitierte die St. Galler Regierung Grüninger politisch, und 1994 veröffentlichte der Schweizer Bundesrat eine Ehrenerklärung für den Polizeikommandanten und Flüchtlingsretter. 1995 wurde Grüninger auch vom Bezirksgericht St. Gallen in einer Wiederaufnahme des Prozesses freigesprochen und juristisch rehabilitiert.

1998 stimmte der Grosse Rat des Kantons St. Gallen einer materiellen Wiedergutmachung zu und entschädigte die Nachkommen Grüningers für die durch die fristlose Entlassung entstandenen Einbussen.

Der ganze Betrag wurde von den Nachkommen in die Paul Grüninger Stiftung eingebracht. Diese verleiht periodisch Preise für besondere Menschlichkeit und besonderen Mut im Sinn Paul Grüningers. In St. Gallen tragen ein Platz in der Altstadt und ein Fussballstadion den Namen des Flüchtlingsretters.