Wie viel Museum darf ein Städtchen sein?

Die Bewohner des Burgstädtchens Werdenberg im Kanton St. Gallen fürchten um ihre Privatsphäre. Ein neues Schlosskonzept wollte das Städtchen kulturell einbinden. Vier Bänkli zum Verweilen und vier Stereoskope sorgten aber für reichlich Ärger. Idyllische Burgstadt versus touristische Vermarktung.

Der Burgfrieden im historischen Werdenberger Städtli hing schief. Vier Holzbänkli und vier Stereoskope waren der Stein des Anstosses.

Das 800-jährige Schloss war morsch und musste saniert werden. Die Arbeiten dauern seit einem Jahr. Ende März ist die Wiedereröffnung. Im Rahmen des neuen Museumskonzepts wollten die Macher die Touristen zum Verweilen im Städtli einladen. Die Touristen sollen sowohl das Schloss als auch das weiter entfernte Vorzeigehaus, das Schlangenhaus, besuchen. Ein Hörspiel, ein Audioguide sollte die Standorte verbinden. Dazu wollten die Museumsmacher vier Holzbänkli im Städtli aufstellen, wo die Touristen sich hinsetzen und Geschichten hören können. Zudem war vorgesehen, vier Stereoskope zu montieren, damit die Touristen Details an den Bauten erkennen können.

Diese Vorhaben stiessen den Städtlibewohnern sauer auf. Sie erhoben Einsprache gegen das Baugesuch. Unterschrieben von Zweidrittel der Städtlibewohner. Mit Erfolg. Der Verein Schloss Werdenberg zog das Baugesuch zurück.

Zauberwort «Verweiltourismus»

«Wir wollen, dass es so bleibt wie es ist. Sprich die Cartouristen, die Schulklassen, die Spaziergänger, das woran wir uns gewohnt sind. Nicht mehr», so Ursula Steiner. Sie wohnt seit 17 Jahren im Städtli. Man habe Angst, dass man sich zurückziehen muss. «Die Touristen bezahlen für den Audioguide, damit ist eine Erwartung verknüpft. Unser Städtli soll nicht zu einem Museum ausgebaut werden». Das Zauberwort laute Verweiltourismus, sagt Ursula Steiner: «Ein Verweilen im Städtli als Sonntagnachmittags-Happening wollen wir nicht.»

Beim Verein Schloss Werdenberg kann man die Bedenken verstehen. «Wir haben die Wirkung der Audioguides unterschätzt. Wir haben gedacht, dass das Bänkli-Aufstellen sanfter Tourismus sei», sagt Thomas Gnägi, Museumsdirektor. Man wollte langsam die Touristen in den Ort bringen und nicht auf einmal 50 Leute aus einem Car ins Städtli führen. «Wir dachten, wir machen den Städtlibewohnern einen Dienst mit dem Verweiltourismus. Dabei ist es genau das Gegenteil, was sie wollen», so Gnägi weiter. Die Museumsmacher krebsen zurück. Obwohl Thomas Gnägi gerne zumindest zwei Stereoskope irgendwo aufstellen würde. Doch dies jetzt einzubringen, mache keinen Sinn, meint er. Es hätte keine Chance.

Und so haben die Städtlibewohner gegen die Schlossherren gesiegt. Fast wie im Mittelalter.