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Taucher bergen 100-jährige Handgranaten aus dem Rotsee
Aus Schweiz aktuell vom 03.09.2020.
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Relikte des 20. Jahrhunderts Alte Munition: Trotz Bergungen bleiben Schweizer Seen voll davon

Taucher bargen beim Rotsee 100-jährige Handgranaten. Eine seltene Aktion – obwohl hiesige Seen voller alter Munition sind.

André Häfliger, Cheftaucher der Luzerner Polizei, zieht seine Tauchmaske an. Er soll am Grund des Rotsees nach Handgranaten suchen. Besorgte Passanten haben sich bei der Polizei gemeldet, dass die da offen herumliegen würden.

Das trübe Wasser des Rotsees macht Häfligers Aufgabe eine anspruchsvolle. «Die Sicht im See ist schlecht», sagt Häfliger. «Obwohl wir die Granaten zuvor markiert haben, ist es schwierig, sie zu finden.» Kommt hinzu, dass sie teilweise unter einer Sand- und Schlickschicht versteckt sind – Ablagerungen, die sich mit der Zeit angesammelt haben.

Handgranaten unter Wasser
Legende: Über die Jahre hat sich auf den Handgranaten im Rotsee eine Sand- und Schlickschicht gebildet. zvg/Luzerner Polizei

Die Handgranaten liegen schon seit über 100 Jahren auf dem Seegrund. Sie liegen da, seit am 20. Oktober 1916 ein Munitionsdepot am Ufer explodierte. Ein tragisches Ereignis, bei dem fünf junge Männer ihr Leben verloren. Der Bote vom Untersee schrieb damals: «Die Gewalt der Explosion war so stark, dass durch den Luftdruck die Scheiben im Seehof, der auf der anderen Seite des Rotsees liegt, zersplittert wurden.»

Bergungen immer wieder nötig

Durch die Druckwelle seien auch etwa 50'000 Handgranaten in die Umgebung der Munitionsfabrik geschleudert worden. Tausende landeten im See. Viele liegen bis heute da, obwohl die Polizei bereits zum vierten Mal nach ihnen taucht. Auch heute konnte André Häfligers Truppe nicht alle verbleibenden Granaten bergen.

Taucher bergen Handgranaten aus dem Rotsee
Legende: Nachdem die Taucher die Handgranaten geborgen haben, übergeben sie diese den Spezialisten der Armee, welche die alte Munition fachgerecht entsorgen. Keystone

Die gute Nachricht: Solange sie im Wasser bleiben, sind sie relativ harmlos. «Das Zündsystem ist nass und kann nicht zur Auslösung gebracht werden», heisst es in einer Mitteilung der Polizei. Gefährlich werde es, wenn jemand die Granaten aus dem Wasser hole. Wenn sie trocken sind, könnten sie wieder explodieren.

Tonnenweise Munition in Schweizer Seen

Es sei eine ganz schlechte Idee, Munition vom Seegrund nach Hause zu holen, warnt auch Bruno Locher, der beim VBS für Umweltfragen verantwortlich ist. «Sollten Sie in einem See auf Munition stossen, fassen Sie diese ja nicht an, sondern melden Sie den Fund bei der Polizei.»

Man entsorgt Munition im See. Schwarz-Weiss-Aufnahme.
Legende: Das Versenken im See galt bis in die 1960er-Jahre als die sicherste Art, Munition zu entsorgen. Mittlerweile gibt es dafür spezialisierte Einrichtungen. Munitionsversenkung im Thunersee zirka 1948. VBS/DDPS

Locher muss es wissen, das VBS hat viel Erfahrung mit alter Munition am Grund von Schweizer Seen. Der Rotsee ist bei Weitem nicht der einzige, der solche Altlasten hat. Bis in die 1960er-Jahre war es üblich, dass Munitionsfabriken ihre überschüssigen oder defekten Patronen, Granaten und anderen Geschosse im Wasser entsorgten. Sie liegen grösstenteils bis heute noch da.

Von der Munition, welche die bundeseigenen Betriebe versenkten, weiss man ziemlich genau, wo sie liegt und wie viel es ist. Im Thuner-, Brienzer- und Vierwaldstättersee entsorgte die Armee weitaus am meisten Munition – über 8000 Tonnen sind es zusammengerechnet. Weiter weiss man, dass auch private Munitionsfabriken ihre Abfälle im Wasser entsorgten – etwa im Genfer- oder Zürichsee.

Munition bleibt im Wasser

Dass sie trotz dieser Kenntnis da liegen bleibt, hat einen Grund. «Es ist die sicherste Strategie», sagt Bruno Locher vom VBS. «Die Munition ist grösstenteils tief im Sediment eingeschlossen. Würde man sie herausholen, bedeutete das sowohl ein höheres Explosionsrisiko, wie auch ein höheres Risiko für die Umwelt, wenn etwa Schadstoffe austreten würden.»

Zudem würden regelmässig Wasser- und Sedimentsproben genommen, um zu kontrollieren, ob doch Schadstoffe austreten. Erst kürzlich gab das VBS nach einer Kontrolle erneut Entwarnung. Aktiv werden Armee und Polizei einzig, wenn die Munition zu nahe ans Ufer geschwemmt wird. Wie etwa beim Rotsee.

Schweiz aktuell, 03.09.2020, 19:00 Uhr

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Wilfred Scheidegger  (Ville Frayde)
    ...mal schauen wie es mit dem gegenwärtigen Abbau des Atomkraftwerkes Mühleberg geht, es ist momentan sehr still! "In der Schweiz kann nichts passieren", ist so ein alter CH-Spruch!
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  • Kommentar von Nathalie Berger  (NathiB)
    Vor 20 Jahren, erzählt mein Mann, haben sie Munition "was das Zeug hält" in Berghänge geschossen (Mit kleinen Kanonen, Gewehren, Panzerfäusten etc.). Ob dies auch heute noch so ist, weiss ich nicht. Ob das Metall gut für Flora und Fauna ist, glaub ich zumindest nicht!
    Wo werden heute die Flieger-Übungen geflogen und mit scharfer Munition geschossen, früher in die Schweizer Seen, heute wohl irgendwo im Ausland - wo es kein Umweltschutz gibt! >>Aus Fehlern lernen ist ein langsamer Prozess.
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  • Kommentar von Mike Steiner  (M. Steiner)
    Grundstücksbesitzer zwingt man auch noch nach Generationen, verseuchten Boden zu sanieren, selbst wenn es deren Ruin bedeutet. Bei der Armee passiert -richtog!- genau nichts. Es ist eine Schweinerei, dass man die Armee nicht zwingt, diesen Dreck auf Militärbudgetkosten heraufzuholen! Dafür neue Flüügerli? Genau!
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    1. Antwort von Jürg Suter  (Sut)
      Kein Geld es gibt neue Flieger und somit auch neue Muntion in 30 Jahren zum versenken!
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