Ausgewandert ins Simmental Der Misere entflohen

Portrait auf altem Fotopapier, schwarz-weiss

Bildlegende: SRF

1950 hat sich diese junge Frau in einem kleinen Dorf im tiefsten Osten Deutschlands auf den Weg gemacht. Sie wollte in die BRD, über jene Grenze, die von russischen Soldaten streng abgeriegelt war.

Unterdessen ist sie 85, ich 40. Erst jetzt sitze ich bei ihr an den Tisch und höre, wie sie in die Schweiz kam und ob sie hier heimisch wurde.

18 Jahre alt war sie bei der Flucht. Sie ging in der Hoffnung auf ein besseres Leben und um der brutalen russischen Besatzung zu entrinnen. «Keine Frau war damals sicher. Wir mussten uns am Abend im Haus verstecken und Schränke vor die Türen schieben, um nicht vergewaltigt zu werden.» Die russischen Soldaten zündeten Häuser an und mordeten.

Alte Postkarte zeigt ein Dorf.

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So verlässt sie ihre Heimat Kunnersdorf auf dem Eigen, ein Dorf mit etwas Textilindustrie und Landwirtschaft. Ihre Grossmutter organisiert die Grenzüberquerung. Sie kontaktiert Helfer an der Grenze.

Es sind Bauern, die die junge Frau decken sollen – heute würde man sie vermutlich Schleuser nennen. Getarnt als Landarbeiterin, schreitet die Migrantin dem Grenzstreifen entgegen. «Ruft jemand Halt, bevor du den Streifen erreichst, dann bleib stehen», wurde ihr geraten. Ansonsten werde geschossen. Die Soldaten rufen tatsächlich, aber die junge Frau war bereits über die Grenze.

Erste Station im Westen war Hannover. Sie arbeitet als Haushaltshilfe, wird aber krank und entlassen. «Arbeit zu finden war schwierig in der BRD der Fünfzigerjahre.»

Frau hält alte Biscuitschachtel in den Händen.

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Ein kleines Inserat der Zweisimmer Biscuit-Firma Gerber in der Hannoverschen Zeitung wies der damals 22-Jährigen den Weg. «Betriebshilfe gesucht», stand darin. Sie schrieb dem Betrieb und erhielt positiven Bescheid. So machte sie sich auf ins Berner Oberland, um beim Backen und Verpacken der Biscuits in Blechschachteln zu helfen. Heute würde man meine Grossmutter einen Wirtschaftsflüchtling nennen, denke ich, als ich ihr zuhöre.

«Wir hatten immer eine Hilfskraft für Haushalt und Backstube», sagt Ursula Gerber. Die Tochter eines der damaligen Firmenchefs lebt heute teilweise noch im Haus, wo meine Grossmutter Anschluss an die Schweiz fand. Die traditionsreichen Biscuits werden aber nicht mehr hier hergestellt. Die Backstube ist leer, nur ein alter Bandofen und eine Knetmaschine stehen noch da. Die Biscuits werden heute von einer Auftragsbäckerei in Münsingen hergestellt.

Altes Familienbild

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Heimweh hatte sie eigentlich nie, sagt die Grossmutter. Wohl auch, weil ihre Familie wuchs und wuchs. Bei ihrem ersten Ausgang nach einem halben Jahr in Zweisimmen lernte sie ihren Mann kennen. Zusammen hatten sie sechs Kinder.

Aber angekommen ist sie nie richtig im Dorf. «Ich war als junge Frau die Ausländerin, die Einheimischen wollten nichts mit mir zu tun haben.» Und auch jetzt, nach 63 Jahren in Zweisimmen, ist sie die Fremde: «Ich habe ja quasi keine Kontakte zu den Leuten hier. Aber ich habe meine Familie, das reicht mir».

Frau blättert in einem Album mit alten Fotos.

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Mutter, Vater und Schwester in der DDR schickte sie oft Fotos. Und sie erhielt welche zurück. So hielten sie den Kontakt aufrecht. Ein paar wenige Besuche gab es auf beiden Seiten – alles unter Beobachtung der Stasi, der Staatssicherheitsbehörde der DDR, wie sie später erfuhr. Jetzt ist sie 85 und mag nicht mehr reisen. Ihre Schwester lebt noch in Ostdeutschland.

Mann neben alter Frau auf Bank vor Holzhaus.

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Ich war als Kind oft zu Besuch in Zweisimmen bei dieser herzlichen und grosszügigen Grossmutter. Und doch waren die Besuche immer auch mit einem Befremden verbunden. Wer ist die Frau mit diesem Dialektgemisch aus Oberländerisch und Hochdeutsch? Sie hat uns nie viel erzählt, und ich habe zu wenig gefragt.

(SRF1, Regionaljournal, 17:30 Uhr)