Die Schweiz – ein «literarisches Ballungszentrum»

Grossstädte inspirieren seit jeher Autorinnen und Autoren zu Romanen. Aber auch in der ländlichen Schweiz wimmelt es von Romanfiguren.

Der Fantasie von Autorinnen und Autoren sind keine Grenzen gesetzt. Und doch verorten viele Schriftsteller ihre Figuren in Gegenden, die genau zu lokalisieren sind. Paris, Berlin, New York – Grossstädte sind beliebte Schauplätze von literarischen Handlungen.

Laut der Germanistin Barbara Piatti sind aber erstaunlich viele Romane und Erzählungen auch in der Schweiz angesiedelt: «Die Schweiz ist ein literarisches Ballungszentrum. Besonders touristische Gegenden wie der Genfersee oder die Innerschweiz sind fast überbevölkert von literarischen Figuren.»

Das hat zum einen wohl mit der Theatralik dieser Landschaften zu tun, zum Anderen damit, dass gerade im 18. und 19. Jahrhundert viele ausländische Autoren in diese neuen Tourismus-Regionen reisten und danach darüber schrieben.

Berge spiegeln sich im See.

Bildlegende: Schiller war nie in der Schweiz: Der Urnersee ist bei seinem Werk Willhelm Tell ein Handlungsort. Keystone

Man denke an Mark Twains humoristische Erzählung über eine Rigi-Besteigung oder an Thomas Mann, der den Kurort Davos im «Zauberberg» verewigt hat.

Schiller erfindet die Innerschweiz in Weimar

Nicht alle Autoren, die über reale Gegenden schreiben, haben diese auch besucht. Friedrich Schiller zum Beispiel lässt seine Figuren im Drama «Wilhelm Tell» über Stock und Stein durch die Innerschweiz marschieren.

Diese langen Wanderrouten hat er sich jedoch in seiner Schreibstube in Weimar ausgedacht. Schiller sei krank gewesen und habe die lange Reise in die Schweiz nicht mehr antreten können, sagt Barbara Piatti: «Weil er trotzdem die Szenerie so realitätsnah wie möglich beschreiben wollte, hat er die Wände seines Arbeitszimmers mit geografischen Karten bepflastert».

«Portal zwischen Wirklichkeit und Fiktion»

Der Literatur-Tourismus blüht. Viele Leser wollen den Schauplatz eines Buches aufsuchen. Allerdings ist die Enttäuschung fast schon programmiert. Denn selten sehen die Schauplätze so aus wie in den Büchern beschrieben. Der Faszination für literarische Reisen tut dies keinen Abbruch.

Die Germanistin Barbara Piatti erklärt sich diese Faszination damit, dass literarische Schauplätze ein «Portal zwischen Wirklichkeit und Fiktion» sind: Wer an einen solchen Schauplatz reist, könne ein «Zipfelchen» der erfundenen Welt erhaschen und so ein Stück weit in die Romanwelt eintauchen.

(Regionaljournal Sommerserie, 17:30 Uhr)

Mehr zum Thema

Sendung zu diesem Artikel