Lewinskys Familiensage im «Judendorf» Endingen

1871 lebt die jüdische Familie Meijer in Endingen, als ein weit entfernter Verwandter an die Türe poltert. Dieser Besuch wird das Leben der Meijers radikal ändern. Charles Lewinsky komponiert in «Melnitz» eine fiktive Familiensaga rund um ein Stück wahre Schweizer Geschichte.

Endingen und Lengnau liegen im Aargauer Surbtal. Im 18. Jahrhundert wurden die beiden Dörfer bekannt als «Judendörfer». Zwischen 1776 und 1866 gab es in der Alten Eidgenossenschaft ein Gesetz, welches die Niederlassungsfreiheit der Schweizer Juden stark einschränkte. In dieser Zeit durften sie nur in Endingen und Lengnau leben.

«  Wie ein Kanarienvogel, der sein ganzes Leben im Käfig war. »

Charles Lewinsky, Autor

Für die beiden Bauerndörfer bedeutete dies eine grosse Veränderung. «In Endingen waren plötzlich 50 Prozent der Einwohner Juden», sagt Publizist Roy Oppenheim. Er hat sich intensiv mit der Geschichte der «Surbtaler Juden» befasst. Den Roman «Melnitz» hält er für ein «hervorragend recherchiertes Buch».

Es gibt kaum eine jüdische Familie in der Schweiz, welche nicht in Endingen oder Lengnau verwurzelt ist. So auch die Familie des Autors Charles Lewinsky. Die Familiensaga «Melnitz» beginnt 1871, also kurz nachdem die Juden in der Schweiz die Niederlassungsfreiheit erhalten haben.

Eine spannende Zeit, betont Charles Lewinsky: «Den Juden in Endingen ging es damals wie einem Kanarienvogel, der sein ganzes Leben im Käfig war.» Plötzlich öffne sich die Käfigtüre – und der Vogel wisse gar nicht, was er mit der neu gewonnenen Freiheit anfangen soll. Genau so sei es damals den Juden in Endingen ergangen, sagt Lewinsky.

Juden haben Endingen verändert

Noch heute ist die jüdische Kultur in Endingen überall präsent. Mitten im Dorf steht – anstelle einer Kirche – eine Synagoge. Eine Endinger Spezialität sind zudem die vielen «Doppeltürhäuser», mit je einem separaten Eingang für Christen und für Juden. So wollte es das Gesetz im 18. Jahrhundert. Zwischen den Dörfern Endingen und Lengnau liegt zudem der älteste jüdische Friedhof der Schweiz.

Heute leben fast keine Juden mehr in Endingen. Ein jüdischer Kulturweg führt interessierte Besucher heute zu den zahlreichen Sehenswürdigkeiten in Endingen und Lengnau.

Die Juden haben in Endingen aber nicht nur bauliche Spuren hinterlassen, sagt der Endinger Gemeindepräsident Lukas Keller: «Man sagt den Endingern nach, sie seien offener als andere». Dies sei vermutlich zurückzuführen auf die Vergangenheit, in der sich Christen und Juden – gezwungenermassen – gemeinsam arrangieren mussten.

(Regionaljournal Sommerserie, 07:32 und 17:30 Uhr)