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Plastik sammeln: ja oder nein? Die unterschiedlichen Sichtweisen.
Aus Regionaljournal Basel Baselland vom 24.07.2020.
abspielen. Laufzeit 04:53 Minuten.
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Trennen oder verbrennen? Beim Stichwort Plastikabfall wird es emotional

Die Gemeinden in der Schweiz gehen unterschiedlich mit Kunststoff um: manche recyceln, andere nicht. Wer hat recht?

In Sachen Kunststoff-Recycling ist Allschwil (BL) eine Pioniergemeinde. Schon 2016 hat Allschwil eine Plastiksammlung eingeführt. Alle zwei Wochen holt seither ein privates Entsorgungsunternehmen die knallgelben Säcke ab. Sie türmen sich vor praktisch jedem Hauseingang.

Zwei Abfallsäcke mit der Aufschrift: Kunststoff-Recycling Allschwil
Legende: Als eine Pioniergemeinde hat Allschwil 2016 eine Kunststoff-Sammlung eingeführt. Philipp Schrämmli/SRF

Zwischen 5'000 bis 6'000 Säcke mit Plastikabfall sammle man bei jeder Tour ein, sagt Andreas Dill. Er ist der Umweltbeauftragter der Gemeinde Allschwil, eine Gemeinde, die rund 21'000 Einwohner zählt.

Dill hat das Projekt Kunststoff-Recycling in Allschwil von Anfang an begleitet. «In der Bevölkerung gab es ein grosses Bedürfnis, Plastik separat zu sammeln», sagt Dill.

Porträt
Legende: Als Umweltbeauftragter der Gemeinde Allschwil hat Andreas Dill (links) das Projekt Kunststoff-Recycling in Allschwil vorangetrieben. Philipp Schrämmli/SRF

Die Menge an Kunststoff, die jeder Haushalt fortwerfe, nehme stetig zu, so der Umweltbeauftragte – fast alles sei mittlerweile in Plastik eingepackt. «Die Leute stört zunehmend, dass sie so viel Kunststoff in den Kehrrichtsack stopfen müssen.»

Mittlerweile wollen auch Grossverteiler reagieren. Die Migros hat im Frühsommer angekündigt, Plastik zu sammeln. Kurz nach der Ankündigung wurde die Plastiksammlung jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben.

Direkt angrenzend an Allschwil liegt die Stadt Basel. Dort wird zwischen Plastik und gewöhnlichem Hauskehricht kein Unterschied gemacht, alles landet im selben Sack. Dies sei ein bewusster Entscheid, sagt Matthias Nabholz, Leiter des kantonalen Amtes für Umwelt und Energie. Er wisse zwar, dass die Diskussion um Plastikabfälle Emotionen auslöse. Und er selber störe sich auch daran, wenn eine Bio-Gurke in Plastik eingewickelt sei, «aber man darf sich in dieser Frage nicht von Emotionen steuern lassen».

Plastiksammlungen hält der Leiter des kantonalen Amtes für Umwelt und Energie sowohl wirtschaftlich wie ökologisch für wenig sinnvoll. Vor allem deshalb, weil es in der Schweiz keine Sortieranlage für Kunststoffe gibt. Die Plastikabfälle müssen ins Ausland gebracht werden. «Und auch dort können nur rund die Hälfte der Abfälle recycelt werden, der Rest wird dann verbrannt, oder landet sonst irgendwo», sagt Nabholz.

Aus Plastikabfall wird Fernwärme

Basel behalte seinen Plastikabfall darum lieber selbst. «Wir haben eine sehr effiziente Kehrrichtanlage», sagt Nabholz. Mit der Abwärme dieser Anlage produziert Basel Fernwärme und Strom. «Daher erachten wir die Trennung von Plastik und die Verwertung im Ausland als ökologisch weniger sinnvoll, als wenn wir diese Abfälle unserer Verbrennungsanlage zuführen.»

In Allschwil sieht man dies anders. Man wisse genau, was mit den Kunststoffen geschieht, sagt Dill. «Wir haben eine tolle Lösung mit einem Unternehmen in Rheinfelden (D).» Dort werde das Material nicht nur sortiert, sondern auch direkt vor Ort in ein Granulat umgewandelt, das dann der Kunststoff produzierenden Industrie verkauft werden könne.

Dass die Nachbarstädte Basel und Allschwil in Sachen Kunststoff-Entsorgung unterschiedliche Wege gehen, überrascht Fredy Dinkel nicht. Es gebe nämlich Argumente sowohl dafür wie auch dagegen. Dinkel ist Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Projektleiter bei Carbotech. Dieses Unternehmen berät Firmen und Gemeinden in Umweltfragen.

Der Blick aufs grosse Ganze

«Im Prinzip haben beide auf ihre Art recht», sagt Dinkel. «Eine Kunststoffsammlung hat durchaus einen ökologischen Nutzen, allerdings ist dieser ziemlich gering, wenn man als Alternative eine effiziente Kehrrichtverbrennungsanlage hat.» Es sei allerdings sinnvoll, die ganze Thematik in einem grösseren Zusammenhang zu betrachten, sagt Dinkel. Denn verglichen mit anderen, von Menschen verursachten Umweltbelastungen, sei Plastikabfall fast zu vernachlässigen.

Verglichen mit anderen Dingen ist die Umweltbelastung durch Plastikabfall fast zu vernachlässigen.
Autor: Fredy DinkelUmweltberater

«Wenn ein Schweizer oder eine Schweizerin ein Jahr lang ihr Plastik sammelt und trennt, dann hat das in etwa den gleichen Effekt, wie wenn innerhalb desselben Jahres auf eine 30 Kilometer lange Autofahrt verzichtet wird, oder darauf, eine Wurst mit einem Stück Brot zu essen», sagt Dinkel. «Das ist durchaus ernüchternd.» Mobilität, Fleischkonsum oder auch das Heizen von Gebäuden hätten einen viel grösseren Einfluss auf die Umwelt als Abfall.

Was rät Fredy Dinkel nun den Gemeinden: Plastik sammeln oder nicht? «Das Ganze hat zwei Aspekte», sagt er. Wenn man nur die Relevanz anschaue, dann müsste er abraten. Andererseits erhöhe eine Plastiktrennung die Achtsamkeit der Menschen und würde sie dafür sensibilisieren, was sie einkaufen und wo überall Kunststoff drumherum ist. «Das Sammeln darf aber kein Alibi sein, um im Sommer in die Ferien zu fliegen», sagt Dinkel. Weil so viel Plastik könne niemand sammeln, um das wiedergutzumachen.

Der Weg des Abfalls

Der Weg des Abfalls

Was befindet sich alles in unserem Abfall? Und was passiert damit? Eine Serie wühlt im Abfallsack.

Regionaljournal Basel, 31.7.2020, 06:32 Uhr/17:30 Uhr, phis;pret

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Jede Gemeinde sollte jedem Haushalt einen Sack für Kunststoff und Plastik gratis zur Verfügung stellen, damit dieser Unrat nicht im Normalmüll entsorgt wird und verbrannt werden muss. Wir Verbraucher sind oft gezwungen in den Läden die Waren inkl. Kunststoff zukaufen. Wir alle sollten besorgt sein, dass weniger Plastikabfall im Umlauf ist und die Umwelt belastet. Sorgen machen auch die jungen Leute, die bei jedem Chillen/grillieren in Gruppen ihren Abfall liegen lassen. Unsere Umwelt leidet.
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  • Kommentar von Hans Bernegger  (hbernegger)
    Ob diese "Achtsamkeit" wirklich zu weniger Plastik führt, müsste man untersuchen. Denn wenn der Plastik gratis entsorgt werden kann, ist das eher ein Anreiz, Plastik statt bspw. Hoözverpackungen zu verwenden
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