Wie Gottfried Keller die Solothurner verspottete

«Ratzenburg will Grossstadt werden», frotzelte Gottfried Keller im Jahre 1880 in einem Gedicht. Den Anlass dazu lieferten ihm die Solothurner, welche ihre historischen Mauern und Türme dem Erdboden gleich machten und dem Fortschritt opferten. Kellers Spott zielte aber auch auf andere Städte.

Solothurn könnte eine europaweit einzigartige Attraktion sein. Tausende Touristen könnten täglich mit Cars vorfahren. Die Innenstadt könnte voll sein mit Souvenirläden und überteuerten Restaurants. Könnte... wenn die Solothurner nicht im 19. Jahrhundert ihre historische Befestigungsanlage abgerissen hätten, die sogenannten Schanzen.

Die Anlage mit Mauern und Türmen umgab bis 1835 die ganze Stadt. Dann wurde sie Stück für Stück zerstört. Historiker müssten darüber empört sein. Doch Erich Weber ist froh, steht nur noch ein Rest dieser einst imposanten Befestigungsmauern.

Weber leitet das städtische historische Museum Blumenstein und sinniert: Wären die Schanzen nicht zerstört worden, wäre Solothurn heute nicht eine lebenswerte Kleinstadt, sondern ein von Touristen überfallenes «Disneyland» wie etwa Carcassonne oder Aigues Mortes.

Der «alte Gerümpel» und der Fortschritt

«Als die US-Amerikaner im Irak einmarschierten, rissen sie auch die Saddam-Statue vom Sockel». Mit diesem Beispiel erklärt Erich Weber, wieso in Solothurn ab 1835 die Schanzen abgerissen wurden.

1830 waren im Kanton Solothurn die Liberalen an die Macht gekommen und lösten die Herrschaft der Patrizier ab, der privilegierten Stadtbewohner. Die Stadtmauern waren das Symbol des Ancien Regime und mussten deshalb weg, aus politischen Gründen also.

Später kamen rationale Gründe hinzu. Ab 1870 wurden in Solothurn ein neuer Bahnhof, neue Quartiere und neue Strassen geplant. Da standen jene historischen Mauern, die noch nicht abgerissen worden waren, zum Teil im Weg. Erneut gab die Kantonsregierung den Befehl, den «alten Gerümpel» fortzuräumen. Die Schanzen sollten Platz machen für den Fortschritt.

Keller geisselte den Grössenwahn

Doch nun gab es Widerstand gegen die Zerstörungswut. In den Zeitungen und im Kantonsparlament wurden heftige Kontroversen geführt. Darf man Historisches zerstören? Sollte man es nicht eher bewahren?

Es wurden Unterschriften gegen den «Vandalenakt» gesammelt. Und der damals bedeutendste Schweizer Schriftsteller mischte sich in die Diskussion ein. 1880 schrieb Gottfried Keller das Gedicht «Ratzenburg»:

Schwarz-weiss-Bild eines alten Mannes.

Bildlegende: Gottfried Keller (1819-1890) gilt als der bedeutendste Schweizer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. (Aufnahme 1886) Keystone

Die Ratzenburg will Grossstadt werden
Und schlägt die alten Linden um;
Die Türme macht sie gleich der Erden
Und streckt gerad, was traulich krumm.

Am Stadtbach wird ein Quai erbauet
Und einen Boulevard man schauet
Vom untern bis zum obern Tor;
Dort schreitet elegant hervor
Die Gänsehirtin Katherine,
Die herrlich statt der Krinoline,
Zu aller Schwestern blassem Neide,
Trägt einen Fassreif stolz im Kleide.

So ist gelungen jeder Plan,
Doch niemand schaut das Nest mehr an!

Es deutet zwar vieles darauf hin, dass Gottfried Keller das Gedicht tatsächlich wegen den Solothurnern geschrieben hat. Doch angeprangert habe Keller damit den «seelenlosen Fortschritt» allgemein, meint Germanist und Keller-Kenner Ruedi Graf.

Auch die Aargauer und Zürcher...

Nicht nur die Solothurner rissen nämlich zu jener Zeit die Befestigungsmauern ein. Auch andere Städte wollten wachsen, Platz machen für den vermeintlichen Fortschritt. «1880, als dieses Gedicht wahrscheinlich geschrieben wurde, gibt es diverse Vorkommnisse», erläutert Ruedi Graf, Redaktor beim Historischen Lexikon der Schweiz.

«Es gibt beispielsweise Pläne, das Kloster Königsfelden abzureissen mit seinen gotischen Fenstern. Das Gedicht könnte sich aber auch auf Zürich beziehen, wo das Armenviertel namens Kratzquartier abgebrochen wird, die grossen Promenaden gebaut werden und der Unterteil der Bahnhofstrasse bis zum See hinunter noch vollendet wird.»

Im ganzen Land bildeten Kunstfreunde zu jener Zeit Oppositionsgruppen gegen Baupläne in ihren Regionen. Gottfried Keller war mit seinem Gedicht «Ratzenburg» die prominente Stimme dieser Bewegung.

Die Gründung des Schweizer Heimatschutzes

In Solothurn konnte in der Folge ein kleiner Teil der Schanzen gerettet werden. Die Stadt kaufte dem Kanton die St. Ursenbastion mit dem Riedholzturm ab und liess sie mit Geldern vom Bund sanieren. Doch 1905 liess die Kantonsregierung erneut Mauern einreissen. Die bei vielen Stadtbewohnern für ihre Aussicht beliebte Turnschanze musste dran glauben.

Erneut hagelte es Protest aus der ganzen Schweiz. Den Abriss konnten die Kritiker zwar nicht mehr verhindern. Aber das Ende der Solothurner Turnschanze führte zur Gründung einer nationalen und noch heute aktiven Organisation. Die vielen lokalen Vereine der Kunstfreunde, Künstler und Architekten schlossen sich zum Schweizer Heimatschutz zusammen.

Der gleiche Heimatschutz, der also 1905 zum Kampf gegen die Solothurner Zerstörungswut gegründet worden war, zeichnete die Stadt Solothurn später aus. 1980 ehrte der Heimatschutz die Barockstadt mit dem Wakkerpreis für ihre gute erhaltene Altstadt.

Quellen/Literatur:
- Gottfried Keller: Gesammelte Gedichte, 1883
- Charles Studer: Solothurn und seine Schanzen
- Fritz Grob: Schriftsteller sehen Solothurn. Stadt und Landschaft in der Literatur ihrer Besucher
- Paul Ludwig Feser: Das Solothurner Schanzen-Album 1840 von Emil und Ludwig Schulthess

(Regionaljournal Sommerserie, 07:32 und 17:30 Uhr)

Sophie La Roche

Schriftstellerin (1784): «Solothurns Stadtgräben sind gross, die Festungswerke schön und gut erhalten, und die Spaziergänge darauf vortrefflich, durch die Aussicht in die herrliche von der Aar bewässerte Gegend»

Urs Vigier

Oberrichter und Kantonsrat. Er schrieb 1876 in einem Leserbrief: «Generationen werden der Generation fluchen, die so leichtfertig Unersetzliches hinweggeschafft hat.»

Friedrich Lucä

Reisender im Jahr 1846: «Die Befestigungswerke Solothurns sind so nett und zierlich, dass sie der Stadt keineswegs ein düsteres Aussehen verleihen, während Basel durch seine baufälligen, unregelmässigen Mauern nur noch hässlicher wird, als es schon ist.»

Robert Walser

(1878-1956) nimmt Solothurn als Vorbild für einen Aufsatz: «Die Kleinstadt sieht in jeder Hinsicht schön aus, denn es stehen da noch sämtliche Ringmauern aus alten Tagen. Runde alte Türme sehen wie die Altansässigkeit selber aus und wirken wie Wohlstand und Zahlungsfähigkeit.»