Zürcher Goldküste am Pranger

Mit seinem autobiographischen Buch «Mars» erschütterte Fritz Zorn Ende der 1970er-Jahre die Grundmauern des Zürcher Bürgertums. Als das Buch erschien, war der Autor tot - an Krebs gestorben. Die Krankheit war für ihn die logische Folge einer überbehüteten Kindheit und eines ungelebten Lebens.

«Ich bin jung und reich und gebildet, und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.» So beginnt «Mars», die bittere Anklage des krebskranken Mittelschullehrers Fritz Zorn an die Zürcher Bourgeoisie. Das Buch sei, so sagt Schriftsteller Adolf Muschg, «wahrscheinlich das bleibendste literarische Produkt der Schweiz der letzten fünfzig Jahre».

«  Die Ehrlichkeit dieses Menschen hat mich beeindruckt. »

Passantin über den Autor

Zorn, der mit richtigem Namen Fritz Angst hiess, wurde 1944 in Meilen an der Zürcher Goldküste geboren. Er wuchs in reichen Verhältnissen und – wie er schreibt – «prohibitiver Harmonie» auf. Sein Zuhause war ein goldener Käfig: Zorn lernte nicht zu leben. Er litt an Depressionen, fand keine Freunde und hatte, als er starb, keinen Menschen berührt, geschweige denn mit einer Frau geschlafen.

Seinen Krebs betrachtete er als die Ansammlung aller verschluckten Tränen, die er über sein ungelebtes Leben nicht weinen durfte. In «Mars» analysiert Zorn seine Krankheit, deren Ursache er in seiner Erziehung, seinem Zuhause und seinen Eltern sieht.

«  Jetzt, wenn man das Buch wieder liest, ist es von einer erschreckenden Aktualität. »

Adolf Muschg
Schriftsteller

«Mars» ist mithin auch die Analyse einer verlogenen Gesellschaft, die vor lauter Anständigkeit und Harmoniebedürfnis keine Auseinandersetzung mit der Realität zulässt.

Zorn schrieb «Mars», als er bereits todkrank war. Das Manuskript wurde Adolf Muschg zugetragen; ihm gelang es, das Buch 1977 beim Kindler-Verlag zu publizieren. Es schlug ein wie eine Bombe und blieb das Kultbuch der bewegten 1980er-Jahre. Denn mit Fritz Zorn hatte erstmals ein Zürcher Goldküstenkind den bisher unbestrittenen Wert einer grossbürgerlichen Herkunft hinterfragt und an den Pranger gestellt.

(Regionaljournal Sommerserie, 07:32 und 17:30 Uhr)

srf

Fritz Zorn wurde als Federico Angst am 10. April 1944 in Meilen geboren. Er starb mit 32 Jahren, am 2. November 1976, an Krebs.