«Viele sind gesünder als man glaubt»

Der 10. Oktober ist der Internationale Tag der psychischen Gesundheit. Er soll helfen, Hemmungen und Vorurteile abzubauen. Aus diesem Anlass besuchte der Reporter des Regionaljournals zwei Betroffene und den Luzerner Verein Traversa - seit 140 Jahren eine Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen.

Marta Bühler und Dora Frank

Bildlegende: Traversa-Geschäftsführerin Marta Bühler (re) und Mitarbeiterin Dora Frank im Tageszentrum. SRF

Wer mit dem Bus von Luzern nach Kriens fährt, gelangt bald zur Haltestelle Kupferhammer. Dort liegt gleich nebenan das Wohnhaus Sonnenbühl des Vereins Traversa. Hier wohnen 18 psychisch kranke Menschen in verschiedenen Wohngemeinschaften. Dazu gehören auch Melanie und Richi. Sie möchten ihren wahren Namen nicht preisgeben. Melanie hat jahrelang unter Angstzuständen gelitten, von denen sie nicht wusste, woher sie kamen. Anfänglich versuchte sie, die Ängste mit Tabletten loszuwerden, die sie von ihrer Mutter bezog. Das führte zu einer Tabletten- und später zu einer Alkoholsucht.

Gesund, trotz Diagnose

Fünf Entzüge waren nötig, seit anderthalb Jahren ist Melanie drogenfrei. Sie arbeitet mit einem 50%-Pensum in einem Büro - eine geschützte Arbeitsstelle. Daneben ist sie in Behandlung.

Melanies Partner Richi hat eine Form der Schizophrenie und ebenfalls eine längere Leidensgeschichte hinter sich. Vor der Behandlung fühlte er sich oft verfolgt, etwa vom Geheimdienst. «Wenn zum Beispiel jemand längere Zeit mit dem Auto hinter mir fuhr, dachte ich, ich müsse ihn abhängen. Solche Vorstellungen wurden mit der Zeit immer schlimmer», sagt Richi. Dazu kam, dass er oft grundlos meinte, alle hätten etwas gegen ihn und er würde alles falsch machen.

«  Ich fühle mich gesund. Erst recht, wenn ich mich mit gewissen «offiziell gesunden» Menschen vergleiche. »

Melanie

Die Arbeit in der geschützten Werkstatt, die Medikamente und die Gespräche mit dem Psychiater geben Richi heute den Rahmen, den er braucht. Auch er sagt von sich: «Ich fühle mich gesund. Natürlich auch dank der Medikamente.»

Melanie und Richi sind weit, was den Umgang mit ihren Krankheiten anbelangt. So weit, dass sie im November aus dem Wohnhaus Sonnenbühl ausziehen. Ihr neues Zuhause ist eine Sozialwohnung in Kriens. Vorbei also die Zeiten, in denen sie im gleichen Haus einen Betreuer hatten - eine Ansprechperson in schwierigen Momenten.

Traversa als Anlaufstelle

Das Wohnhaus Sonnenbühl ist eines von sechs, die zum Luzerner Verein Traversa gehören. Nebst betreutem Wohnen bietet der Verein auch gemeinsame Ferien für psychisch Kranke an oder eine Vielzahl von Freizeitkursen. Jährlich hat der Verein mit ungefähr 1200 Menschen zu tun, alle im Alter zwischen 18 und 65.

Ein zentrales Angebot von Traversa ist das sogenannte Tageszentrum an der Schlossstrasse in Luzern, in der Nähe der Pauluskirche. «Hier können die Leute einfach sich selbst sein und einfacher andere Leute treffen, zum Beispiel beim Mittag- oder Abendessen», sagt Sozialpädagogin Dora Frank, Mitarbeiterin des Tageszentrums. In Gesprächen und auf Ausflügen mit den Besuchern erfahre sie immer wieder, dass das Zentrum für viele eine Stütze sei: «Einige sagten mir, dass das Tageszentrum sie vor dem Gang in die Psychiatrie gerettet habe.»

Die besuchten Orte im Bild