Sprachenstreit einmal anders «Auch auf Hochdeutsch kann man sich Schlötterlig anhängen»

Würde auf Hochdeutsch debattiert, wäre der Ratsbetrieb effizienter und anständiger, argumentierte der Initiant. Die Mehrheit der Stadtzürcher Parlamentarierinnen und Parlamentarier konnte diesem Argument allerdings nichts abgewinnen.

Mann steht und redet

Bildlegende: Spricht im Parlament, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Marco Denoth, Co-Präsident der Stadtzürcher SP. Keystone

Normalerweise diskutiert das Zürcher Stadtparlament auf Schweizerdeutsch. Doch ausgerechnet die Frage, ob die Debatten während eines halben Jahres versuchsweise auf Hochdeutsch geführt werden sollen, diskutierte das Zürcher Stadtparlament wegen ausländischer Gäste auf der Tribüne auf Hochdeutsch.

Der Initiant, CVP-Präsident Markus Hungerbühler, versprach sich von einem halbjährigen Versuch den Beweis, dass der Rat dank Hochdeutsch effizienter und sachlicher arbeitet und die Debatten sich nicht mehr «am Rande des Anstandes» bewegen.

Sein Antrag stiess jedoch auf wenig Gegenliebe – auch in der eigenen Partei. Lediglich 29 Ratsmitglieder sagten Ja, 80 waren dagegen und 6 enthielten sich der Stimme. Die Gräben gingen quer durch die Parteien. Nur SVP und FDP stimmten geschlossen – und zwar gegen den Antrag.

Lebhaft und lokal

Die Gegner wollten an der «Lebendigkeit und Lebhaftigkeit» der Diskussionen keinen Abstrich machen. Mit Mundart sei man authentisch und volksnah. Viele waren zudem überzeugt, «dass Effizienz nicht durch die Sprache erreicht wird, sondern durch die Voten».

Die Befürworter fanden jedoch, man gewinne eine Denksekunde und es gebe «einen Bremseffekt gegen Ausfälligkeiten». Dem hielt FDP-Politiker Michael Baumer entgegen, niveaulos könne man auch auf Schriftdeutsch diskutieren: «Auch auf Hochdeutsch kann man sich Schlötterlig anhängen.»

Bis in die 1970er-Jahre trugen die Zürcher Gemeinderäte ihre Voten übrigens auf Hochdeutsch vor. Erst im Nachgang der 68er-Bewegung schwenkten zunächst die linken Parteien auf Dialekt um.