Best-Of: Reportage-Perlen aus der Region Zürich und Schaffhausen

Es war wie eine Operation am offenen Herzen: Die Grossbaustelle am Zürcher Bellvue im Sommer 2015. Die Bauarbeiter leisteten Nachtschicht. Mit riesigen Maschinen wurden die Gleise ausgewechselt und Haltestellen saniert. Ein Spektakel für Partygängerinnen und Nachtspaziergänger.

Der Ingenieur Ende Dreissig hat soeben sein Glas Wein im «Odeon» geleert, nun steht er fasziniert auf der Rämistrasse und beobachtet die Bauarbeiter bei ihrer Nachtschicht. «Ich könnte stundenlang einfach so dastehen», stellt er fest und lacht. Ebenso fasziniert kommentieren zwei junge Frauen mit Louis-Vuitton-Handtaschen und Zigarette das Geschehen. «Ich habe so Mitleid mit den Arbeitern. Ich weiss nicht, wie die das hinkriegen, ich könnte es nicht», sagt die eine und ihre Kollegin meint kurz und knapp: «Es ist ein Seich.»

Kein Lärm, weniger Hitze

Vis-à-vis beim «Sternen Grill» gönnt sich ein Bauarbeiter eine Wurst. Er nimmt seine Nachtschicht locker: «Ich bin es gewohnt. Zudem ist es in der Nacht kühler.» Er habe aber viele Kollegen, die unter der Nachtarbeit leiden würden. Besonders jene aus dem Ausland, die keine Wahl hätten und auf die Arbeit angewiesen seien.

Neben zahlreichen Bauarbeitern sind nachts auch Sicherheitsleute vor Ort. Sie sind dafür verantwortlich, dass keine Passanten die Bauarbeiter stören oder sich auf der Baustelle verirren. Sein Job sei keine einfache Aufgabe, meint ein Security-Mitarbeiter. Die Müdigkeit sei besonders in den frühen Morgenstunden um drei oder vier Uhr besonders gross. Und was es noch schwieriger mache, sei die Einsamkeit. Wie man eine solche Nachtschicht übersteht, hat er im Militär gelernt: «Mit den Füssen stampfen, viel trinken und so wenig wie möglich essen.»