SBB-Vorzeigebrücke in Zürich unter Beschuss

Ein Bahnexperte kritisiert Planungsfehler bei der neuen Vorzeigebrücke der SBB beim Zürcher HB. Die Kontrollmechanismen hätten versagt. Die SBB spricht von einem «sehr grossen Schadensfall». Noch bis Ende Monat muss das Grossprojekt der Durchmesserlinie verstärkt werden.

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Kritik an SBB-Planungsfehler

4:09 min, aus Schweiz aktuell vom 11.11.2014

Sie ist die längste Bahnbrücke der Schweiz, über 1,5 Kilometer lang. Doch sie ist eine Fehlkonstruktion. Das neue, zweiteilige Viadukt beim Zürcher Hauptbahnhof als spektakuläres Kernstück der Durchmesserlinie der SBB muss seit Monaten baulich verstärkt werden.

Fehler per Zufall entdeckt

Der Baufehler sei wahrscheinlich einzigartig in der Geschichte des Schweizer Bahnbrückenbaus, sagt Walter von Andrian, Chefredaktor der Schweizer Eisenbahn-Revue gegenüber «Schweiz aktuell». Er spricht von einem «gravierenden Konstruktionsfehler», der erst bemerkt wurde, als die Brücke praktisch fertig gebaut war. Andrian stört sich vor allem daran, dass der Fehler «mehr oder weniger zufällig» entdeckt worden sei.

Risse im Beton

Bei einer Kontrolle bemerkten die Planer der neuen SBB-Brücke zwischen dem Hauptbahnhof und Altstetten Risse im Beton über den Brückenpfeilern. Der Befund: Die Brücke wurde zu schwach gebaut. Seit Juni 2014 muss das Bauwerk deshalb mit zusätzlichen Stahl-Spannkabeln verstärkt werden. Darüber wird eine 50 Zentimeter dicke Betonschicht gegossen.

«Unerklärlicher Fehler»

Federführend ist das Zürcher Ingenieurunternehmen Locher. Es will zum Planungsfehler keine Stellung nehmen. Die SBB als Bauherrin, spricht von einem «bedauernswerten Fehler». Roland Kobel, Gesamtprojektleiter der Durchmesserlinie der SBB sagt gegenüber «Schweiz aktuell»: «Der Fehler ist für diejenigen, die schon ein Leben lang Brücken gebaut haben, nicht erklärlich».

Walter von Andrian verlangt, dass die Kontrollen bei solchen Grossprojekten verbessert werden. «Die Prüfer hätten gründlicher schauen müssen», sagt er. «Hier können wir noch besser werden», räumt Roland Kobel von der SBB ein.

Ein Fall für die Versicherung

Wie hoch die Kosten des Planungsfehlers genau sind, ist noch unklar. Die Ingenieurgemeinschaft sei nun daran, diese zu berechnen. Die SBB spricht von einem «grossen Schadenfall» in zweistelliger Millionenhöhe. Es laufe wohl auf einen Fall für die Haftpflichtversicherung hinaus. Ob sich auch die SBB finanziell beteiligen muss, sei noch offen. Bis Ende November sollen die Verstärkungsarbeiten auf dem Viadukt beendet sein. Laut SBB ist der Eröffnungstermin des zweiten Teils der Durchmesserlinie im Dezember 2015 wegen des Planungsfehlers nicht gefährdet.

(kerf; «Schweiz Aktuell» 19 Uhr)