Sexuelle Ausbeutung: Es braucht mehr Opferfreundlichkeit

Die Zürcher Beratungsstelle Castagna für Opfer von sexueller Ausbeutung präsentiert ein neues Themenheft. Darin berichten Betroffene über ihre persönlichen Erfahrungen. Fazit: Man soll Betroffene weniger auf ihre Opferrolle reduzieren, und die Rechtssprechung müsste sich ändern.

Kinderfbeine ragen unter einem Bett hervor.

Bildlegende: Noch immer ist das Interesse an Tätern grösser als jenes an Opfern. Keystone

Das Themenheft ist das Resultat eines Aufrufs, den die Beratungsstelle Castagna vor einem Jahr an Betroffene von sexueller Gewalt im Kindesalter richtete. Laut Castagna zeichnen die eingereichten Beiträge das Bild einer Gesellschaft, in welcher Opfer nach wie vor viel zu oft allein gelassen werden.

Viele Betroffene leiden offenbar darunter, dass das Interesse an den Tätern grösser ist als jenes an den Opfern. Es brauche deshalb mehr «Opferfreundlichkeit»; Betroffene dürften nicht einfach auf ihre Opferrolle reduziert werden. Nur so könnten sich sexuell ausgebeutete Kinder Dritten anvertrauen.

Dass sie die Übergriffe nie jemandem anvertraut habe, erklärt eine in der Kindheit ausgebeutete Frau im Themenheft zum Beispiel so: «Zu gross ist die Angst, dass man nachher den Stempel Opfer an sich kleben hat und nicht mehr sieht, was man sonst noch so im Leben macht.»

«  Kinder können ihren Nächsten nicht Nein sagen. »

Regula Schwager
Leiterin der Beratungsstelle Castagna

Sicher sei die Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren für das Thema Kindsmissbrauch sensibler geworden, sagt Regula Schwager, Leiterin der Beratungsstelle Castagna. Dennoch liege noch vieles im Argen:

  • Die Rechtssprechung widme sich immer noch mehr den Tätern als den Opfern.
  • Das Strafmass bei Kindsmisshandlung sei immer noch vergleichsweise gering.
  • Opfer erhielten keine finanzielle Unterstützung, um Rechtsverfahren weiterzuziehen.

Betroffene fühlten sich dadurch oft alleingelassen und isoliert. Wünschenswert wäre es, dass der Staat Opfern von sexuellem Missbrauch Therapien finanziert, sagt Regula Schwager. Eines der Hauptprobleme bei Kindsmisshandlungen sei, dass Kinder nahen Bezugspersonen nicht Nein sagen könnten. Dabei gingen die Übergriffe zumeist von Verwandten aus. Hier gelte es, weiterhin und vermehrt Aufklärungsarbeit zu leisten. Am 4. Juni veranstaltet Castagna deshalb ein Podiumsgespräch zur sexuelle Ausbeutung von Kindern (siehe rechts).