Winterthur lässt Kunstwerke der Villa Flora ohne Bedauern ziehen

Die hochkarätige Sammlung im Besitz der Hahnloser/Jaeggli Stiftung geht für mindestens 15 Jahre als Leihgabe nach Bern. Die Stiftung hat mit dem Kunstmuseum Bern und dem Zentrum Paul Klee einen Vertrag abgeschlossen. Alle reden von einem «Glücksfall», auch die Stadt Winterthur.

Aussenansicht der Villa Flora

Bildlegende: Das Gesamtkunstwerk «Villa Flora» verliert sein Herz. zvg

Die Vereinbarung mit dem Kunstmuseum Bern sei ein Glücksfall für die Hahnloser/Jaeggli Stiftung, sagte der Stiftungspräsident Beat Denzler am Donnerstag vor den Medien in Bern. Damit sei sichergestellt, dass die Werke nicht in einem Depot verschwinden, sondern einen würdigen Platz in einem renommierten Museum erhalten.

Begeistert zeigen sich auch die Verantwortlichen in der Stadt Bern: Von einer «riesengrosse Freude» sprach Jürg Bucher, Präsident der Dachstiftung Kunstmuseum Bern - Zentrum Paul Klee.

Entzücken auch in Winterthur

In diesen Chor reiht sich Winterthur nahtlos ein: «Wir fassen es als Überbrückung und glückliche Fügung auf, dass die Bilder weiter gezeigt werden können», sagt Nicole Kurmann, Leiterin der Kulturabteilung in Winterthur. Man wolle aber von der Rückzugsklausel im Vertrag Gebrauch machen und die Werke nach Winterthur zurückholen, sobald die Villa Flora saniert sei.

Wann dies der Fall sein wird, kann Nicole Kurmann nicht sagen. Die Villa Flora ist seit mehr als zwei Jahren geschlossen. Im Frühling 2014 musste sie den Museumsbetrieb aus finanziellen Gründen einstellen, nachdem die Stadt Winterthur 2013 ein Projekt für den Umbau und die Erweiterung des Museums aus Spargründen auf Eis gelegt hatte.

Zurzeit arbeiten verschiedene Stellen nach wie vor an einem «Feinkonzept für den Betrieb». Dieses hätte Ende 2015 erstellt sein sollen. «Es braucht einfach mehr Zeit, als gedacht», begründet Kurmann die Verzögerung. «Winterthur will vorwärts machen», verspricht sie. Immerhin existiert die Zusicherung des Stadtpräsidenten Michael Künzle höchstpersönlich. Er sprach sich immer wieder dafür aus, dass Villa und Sammlung als Einheit erhalten bleiben sollen.

Kunstwerke auf Reisen

Die Kunstwerke der Sammlung befinden sich seit Anfang 2015 auf einer Tournee durch Europa. Derzeit sind sie in Halle zu sehen, letzte Station der Tournee ist die Staatsgalerie in Stuttgart. Danach werden die Bilder in die Schweiz zurückkehren, nach Bern.

Die Sammlung des Ehepaars Hahnloser umfasst hochkarätige Werke von international bekannten Künstlern wie Edouard Manet, Paul Cézanne, Auguste Renoir oder Vincent van Gogh. Bis Anfang 2014 waren sie in der Villa Flora, dem ehemaligen Wohnhaus des Sammlerehepaars in Winterthur, in wechselnden Ausstellungen zu sehen. Das Ensemble aus Haus und Sammlung gilt als Gesamtkunstwerk.

Chronologie der Geschichte um die Villa Flora

    • Bild

      Bildlegende: Der Sämann (Le semeur) von Vincent van Gogh (1888) gehört zur Sammlung der Hahnloser/Jaeggli Stiftung aus Winterthur. zvg (Foto Reto Pedrini, Zürich)

      Oktober 2016: Der Verlust von Winterthur ist ein Gewinn für Bern

      Die über 100 Werke der Winterthurer Hahnloser/Jaeggli Stiftung werden ab August 2017 als Leihgaben im Kunstmuseum Bern zu sehen sein. Darunter sind berühmte Gemälde wie «Der Sämann» von Vincent van Gogh, aber auch Werke von Ferdinand Hodler, Félix Vallotton oder Giovanni Giacometti.

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    • Blick in die Aussellungsräume.

      Bildlegende: Die Bilder des Museums Oskar Reinhart sollen dank dem Museumskonzept eine noch grössere Ausstrahlung entwickeln. Keystone

      Juni 2015: Endlich steht das Museumskonzept

      Winterthur ist stolz auf seine hochkarätigen Kunstsammlungen. Doch sie sollen noch mehr strahlen. Deshalb sollen vier bisher selbständige Häuser fusionieren und künftig vom Kunstverein geführt werden. Trotz roter Zahlen will sich die Stadt das jährlich 4,55 Millionen Franken kosten lassen.

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    • Flyer der Ausstellung

      Bildlegende: Die Ausstellung ist seit April 2014 geschlossen, die Bilder der Villa Flora gehen aber auf Tournee. www.villaflora.ch

      Januar 2015: Die Sammlung geht auf Tournee

      Hamburg, Paris, Saale, Stuttgart. So lautet der Reiseplan der Sammlung der Villa Flora. Die Reise wurde nötig, weil das Museum in Winterthur wegen Finanzproblemen schliessen musste. Kuratorin Angelika Affentranger sieht die Tournee nun aber als Chance.

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    • Ansicht des Museums von aussen.

      Bildlegende: Die Türen in Winterthur gehen zu, die Bilder der Sammlung sollen aber auf Weltreise gehen. zvg

      November 2013: Villa Flora kündigt Schliessung an

      Das Museum Villa Flora zeigt ab April 2014 keine Ausstellungen mehr. Der Trägerverein zieht damit die Konsequenzen aus dem Entscheid der Stadt, die Villa Flora aus Spargründen vorerst nicht mit dem Kunstverein zusammenzulegen. Das Museum soll wieder aufgehen, sobald es «eine positive Änderung» gebe.

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    • Aussenfassade von der Strasse gesehen.

      Bildlegende: Die Villa Flora in Winterthur. Roland zh

      Oktober 2013: Der Kantonrat stimm der Kauf der Villa Flora zu

      Für fünf Millionen Franken übernimmt der Kanton Zürich das kleine, aber exquisite Kunstmuseum «Villa Flora» in Winterthur. Der Zürcher Kantonsrat hat dafür den Lotteriefonds angezapft. Dagegen waren nur SVP und EDU.

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    • Porträt

      Bildlegende: Michael Künzle Keystone

      August 2013: Winterthur bekommt kalte Füsse

      Die Abstimmung über den Zusammenschluss des Kunstvereins Winterthur mit der Villa Flora kann nicht wie geplant am 22. September stattfinden. Grund dafür ist das Winterthurer Sparprogramm.

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    • Gemälde

      Bildlegende: La Flora: Die Villa Flora in Öl, gemalt 1912 von Henri-Charles Manguin. Villa Flora

      April 2013: Die Villa Flora wirbt für sich

      Grosse Werke hängen meistens in grossen Häusern. Nicht so in Winterthur. Dort kann man Meisterwerke von Paul Cézanne, Vincent van Gogh oder Felix Vallotton quasi in der guten Stube besichtigen. Die Villa Flora inszeniert diese Werke fast intim im ehemaligen Wohnhaus des Sammlerpaares Hahnloser.

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    • Aussenfassade.

      Bildlegende: Villa Flora in Winterthur. roland zh

      Januar 2013: Der Zürcher Regierungsrat will das Juwel kaufen

      Der Zürcher Regierungsrat will für 2,75 Millionen Franken die Liegenschaft Villa Flora in Winterthur kaufen. Diese soll als Museumsbetrieb weitergeführt werden. Für die Sanierung und für den Betrieb braucht es noch die Zustimmung des Zürcher Kantonsrates und der Winterthurer Stimmbevölkerung.

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