Zürich-West: Zwischen Trend-Quartier und normaler City

Zürich-West trägt den Stempel «Trend-Quartier». Gemeint ist der spezielle Charme: diese Mischung aus alten Industriebauten und moderner Architektur, das Nebeneinander von Definitivem und Provisorischem, von Kreativem und Kommerziellem. Aber: Wie weit her ist es damit noch?

Café am Fusse der Prime-Towers, im Spiegelbild die Maag-Halle, die heute als Konzertlokal genutzt wird.

Bildlegende: Vergangenheit und Zukunft nahe beieinander: Café am Fusse des Prime-Towers, im Spiegelbild die alte Maag-Halle. SRF

Lars geht jeden Tag über den Escher-Wyss-Platz zur Schule. Er macht das seit dem Kindergarten, jetzt ist er in der ersten Klasse. Er hat sich daran gewöhnt, dass er hier im Stadtdschungel auf vieles achten muss. Eine besondere Herausforderung sind die Trams. Die können hier buchstäblich aus allen Himmelsrichtungen kommen. Lars ist ein aufgeweckter Junge, trotzdem ist es seiner Mutter, Heidi Britt, nicht immer wohl bei dem Gedanken, dass ihr Sohn über diesen Verkehrsknotenpunkt zur Schule muss. Als sie mit ihrem Partner vor 9 Jahren nach Zürich-West zog, in ein 130 Quadratmeter grosses Loft im «Puls 5» an der Hardturmstrasse, war das auch nicht abzusehen: «Damals hiess es, bis 2012 werde das neue Schulhaus gebaut sein. Als unser Sohn 2007 auf die Welt kam, dachten wir, das passt», sagt Heidi Britt. Doch die Pläne wurden aufgeschoben, das Schulhaus wird nicht vor 2019 stehen, dann kommt Lars schon in die sechste Klasse.

Dass sich die Stadt mit dem Schulhausbau Zeit lässt, hat auch damit zu tun, dass in Zürich-West nicht besonders viele Kinder wohnen. Viele der Neubauten sind Bürogebäude. Und der typische Zürich-West-Bewohner ist Single oder lebt in einer kinderlosen Partnerschaft. Mehr als die Hälfte der Wohnungen sind gekauft, damit liegt dieser Anteil weit über dem Schnitt von 7 Prozent auf dem gesamten Stadtgebiet. Auch wenn sich die teuren Wohnungen nicht mehr so leicht verkaufen lassen wie zu Beginn, entsteht immer noch neuer Wohnraum für gehobene Ansprüche.

Ein totes Quartier...

Für den ETH-Architektursoziologen Christian Schmid ist Zürich-West wegen dieser Entwicklung auf dem besten Weg, ein ganz normales Stück City zu werden, wie er sich ausdrückt: «Nur dann, wenn unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Nutzungen aufeinander treffen, und sich gegenseitig befruchten, entsteht eine wirkliche urbane Qualität.» Sein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit seinen Studierenden im Quartier habe gezeigt, dass das Quartier in vielen Bereichen diesbezüglich «tot» sei.

Christoph Gysi hört das nicht gern. Der wirblige Mittfünfziger führt schon seit 1997 das «Les Halles» beim Schiffbau: Bar, Restaurant, Bio- und Velo-Laden in einem. Er beschwört das Zürich-West-Feeling. Und nimmt als Beispiel sein eigenes Lokal, das gegenüber einer Autogarage liegt: «Das funktioniert gut und ist typisch fürs Quartier. Wer gegenüber die Reifen wechseln lässt, kommt zu mir einen Kaffee trinken. Dass es nach Pneus riecht, stört sie nicht. Das ist eben Zürich-West.»

...oder ein Stadtteil voller Charme?

Auch im Gerold-Areal, sagt Gysi, lebe das Quartier doch. Tatsächlich finden sich dort auf relativ kleinem Raum Szeneläden, Clubs, Ateliers oder Restaurants wie «Frau Gerolds Garten». Alles hier ist aber nur auf Zeit gebaut und lebt auch ein Stück weit von diesem Charme. «Frau Gerolds Garten» gibt es noch sicher vier Jahre, was dann mit dem Gelände geschieht, ist offen. Katja Weber vom «Gerolds Garten» sagt, das Provisorische gehöre zum Lebensgefühl eines solchen Quartiers. Und es liege in der Natur der Sache, dass man irgendwann weiterziehen müsse: «Ich fände es mega spannend, irgendwann unsere Container und Pflanz-Kisten einzupacken und an einem anderen Ort «Frau Gerolds Garten» wieder aufzubauen.»

(Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 17:30 Uhr)