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100 Jahre Fremdenpolizei Vom Provisorium zur etablierten Behörde

1917 tobt in Europa der Erste Weltkrieg. Personenfreizügigkeit wird zur Bedrohung erklärt. Die Fremdenpolizei gegründet.

Legende: Audio 100 Jahre Abwehr: Die Gründung der Schweizer Fremdenpolizei abspielen. Laufzeit 25:49 Minuten.
25:49 min, aus Zeitblende vom 21.10.2017.

Kritik an der Freizügigkeit in Europa und die Angst vor der Überfremdung sind Themen, welche die Schweiz nicht erst seit gestern beschäftigen. Vor hundert Jahren war die Geburtsstunde der eidgenössischen Fremdenpolizei. Und der Beginn eines Überfremdungsdiskurses, der bis heute andauert.

Der Erste Weltkrieg ändert alles

Im November 1917 befindet sich der Erste Weltkrieg in Europa auf seinem Höhepunkt. In Russland haben Bolschewisten die Macht übernommen. Und in der Schweiz geht die Angst um, dass die Kantone die Ein- und Ausreise von Ausländern zu wenig kontrollieren. So könnten ausländische Spione, Betrüger und Schwarzmarkthändler in der Schweiz ihr Unwesen treiben.

Grenzwachthütte an der elsässischen Grenze 1914-18.
Legende: Grenzwachtshütte zwischen 1914 und 1918 an der elsässischen Grenze. Der Erste Weltkrieg «produzierte» neue Flüchtlinge. Schweizerisches Bundesarchiv

Per Notverordnung beschliesst der Bundesrat darum die Gründung der eidgenössischen Fremdenpolizei. Die neue Behörde zentralisiert und professionalisiert die Kontrolle von Ausländern an der Grenze und im Land selber. Und sie weist die kantonalen Behörden zurecht, wenn diese aus ihrer Sicht zu tolerant sind.

So etwa beim Fall eines polnischen Eierhändlers, der zu seiner Frau nach Basel ziehen will. Die eidgenössische Fremdenpolizei schrieb seinerzeit dazu: «Der Rubrikant ist im April 1923 mit konsularischem Visum zu Geschäftszwecken eingereist und hat keinen Anspruch auf Zulassung zur Wohnsitznahme in der Schweiz. Seine Ansiedlung da selbst ist nicht notwendig und als der Schweizerischen Bevölkerung nicht assimilierbarem Element unerwünscht.»

Mit dem Ersten Weltkrieg gingen die Grenzen zu – auch in der Schweiz.
Autor: Patrick KuryProfessor für Geschichte an der Universität Luzern

Patrick Kury ist Professor für Geschichte an der Universität Luzern. Er hat sich auf das Thema Migration und den Überfremdungsdiskurs in der Schweiz spezialisiert. Die damalige Situation beschreibt er so: «Mit dem Ersten Weltkrieg gingen die Grenzen zu – auch in der Schweiz. Die Freizügigkeit, die bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschte, wurde oder musste aufgegeben werden. Gleichzeitig hat sich ein fremdenfeindlicher Diskurs breitgemacht. Es gab einen Nationalchauvinsimus und Kriegsrhetorik. Freunde wurden über Nacht zu Feinden erklärt.»

Legende:
Anzahl der Einbürgerungen nach Herkunftsländern 1911-1919 Die Einbürgerungen nehmen bis 1917 zu. Nach Gründung der Fremdenpolizei nehmen sie wieder ab. Uriel Gast: Von der Kontrolle zur Abwehr

Dabei sollte die Fremdenpolizei gar nicht dauerhaft im Einsatz stehen, erklärt Kury. «Man ging davon aus, dass die Fremdenpolizei eine vorübergehende Institution sei. Und man nach einer gewissen Zeit wieder zur internationalen Personenfreizügigkeit zurückkehren könnte. Das hat sich aber nicht in diese Richtung entwickelt, weil der Erste Weltkrieg den Nationalismus erstarkt hat.»

«Will der bleiben?»

«Die Schweiz vor unerwünschten Fremden zu schützen» – diesen Leitspruch hatte sich auch der langjährige Leiter der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund auf die Fahne geschrieben. Rothmund war von 1919-1955 Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei.

Reynold Tschäppät in Nahaufnahme
Legende: Reynold Tschäppät war von 1944-1960 erst Mitarbeiter, später Vizedirektor der Abteilung Flüchtlingswesen des EJPD. Keystone

Sein späterer Weggefährte Reynold Tschäppät erinnert sich an Rothmunds Philosophie: «Für ihn gab es im tiefsten Innern den Begriff Flüchtling oder Immigrant überhaupt nicht. Es gab für ihn den Fremden, der in die Schweiz kam. Der Fremde, bei dem er sofort die Frage aufwarf: ‹Will der bleiben?, Wie lange will er bleiben? Wohin kann er weiter?›»

Neue Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Behörde prägte vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Überfremdungsdiskurs. Nach dem zweiten Weltkrieg zieht sich die Fremdenpolizei aus dem politischen Diskurs zunehmend zurück und beschränkt sich vermehrt auf die behördliche Tätigkeit.

So erklärt Fremdenpolizei-Chef Elmar Mäder 1965 neue Regeln für ausländische Arbeitssuchende: «Wir haben im vergangenen Jahr festgestellt, dass diese unkontrollierte, diese sogenannte Spontaneinwanderung zu immer grösseren Schwierigkeiten geführt hat, immer grössere Nachteile gezeigt hat. In erster Linie will man nun diese Nachteile ausmerzen.»

Die Parteien haben das Ruder an sich gerissen.
Autor: Patrick KuryProfessor der Geschichte an der Universität Luzern

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Rolle der Fremdenpolizei geändert. «Die Parteien haben das Ruder an sich gerissen», sagt Kury. Ein Beispiel dafür sei die SVP, die die Zuwanderung zu ihren politischen Aufgaben erklärt habe.

Das Staatssekretariat für Migration sei ohnehin in internationale Abkommen eingebunden. Seine Berechtigung würde heute niemand mehr infrage stellen, erklärt Kury. Mehr oder weniger gleich sei seit hundert Jahren aber die Argumentationsweise im Überfremdungsdiskurs. «Es ändern sich nur die Gruppierungen, gegen die sich die ausgrenzenden Diskurse richten.»

Die Fremdenpolizei heute

Die Aufgaben der Fremdenpolizei hat heute auf nationaler Ebene das Staatssekretariat für Migration (SEM) übernommen. Auf kantonaler Ebene liegen die Zuständigkeiten bei den Migrationsämtern.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Jörg Frey (giogio)
    Man stelle sich vor, dass die Schweiz vor 1917 nicht untergegangen ist, so wie es heute von Rechtsaussen tönt.
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    1. Antwort von Werner Boesiger (P.Werner Boesiger)
      Sie ist nicht untergegangen, hat aber einen gewissen Herrn Lenin beherbergt, der nachher unsaegliches Leid ueber die Menschheit gebracht hat. Auch die Ermordung von Erzherzog Ferdinand und der Ausloeser zum Ersten Weltkrieg sind 1911 am Genfersee geplant worden. Da hat man wohl 1917 begriffen, das es so nicht weitergehen konnte.
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    2. Antwort von Adrian Flükiger (Ädu)
      @Boesiger: Das Lenin und Co. "Metzger" waren, ist nicht zu bestreiten. Sie stellen es aber so dar, als ab diese Monarchien eine Daseinsberechtigung gehabt haben und alles "Friede, Freude, Eierkuchen" war. Das Gegenteil war der Fall. Die Monarchen in Berlin, Moskau und Wien haben den Horror ganz massgeblich ausgelöst. Dabei verreckte die arbeitende Bevölkerung beinahe. Zum Glück sind diese Regime in Europa im Lauf des Krieges deshalb entweder zum Teufel gejagt- oder weitgehend entmachtet worden.
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    3. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Die Erschaffer und Sicherer der Waren und Dienste waren aber schon damals am Untergehen, derweil sich die Aktionaere die Taschen ueberfuellten. Gerettet wurden sie nur durch die Schliessung der Grenzen fuer alle Auslaender mit Ausnahme der familiaer und humanitaer Begruendeten, sowie der innert 3 Monaten wieder Ausreisenden. Der mit katastrofalen Folgen des Lohndoempings und Streikbruchs auf 15 Prozent angeschwollene Auslaenderanteil wurde bis 1945 auf 5 Prozent abgeteuft....
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    4. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Ich bin immer noch sehr stolz dass Lenin durch die Schweiz gefördert und gestärkt wurde. Immerhin hat Lenin als erster den 1. Weltkrieg zu beenden begonnen. Er setzte Frieden über territorialen Anspruch oder Machtstreben. Wenn alle Machthaber so wären, gäbe es keine Kriege mehr @Trump, @Obama, @Clinton @Bush 2x
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