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80 Jahre vierte Landessprache Wie das Rätoromanische die Schweiz eroberte

Am 20. Februar 1938 sagten die Schweizer Männer Ja zum Rätoromanischen als vierte Nationalsprache. Das eindeutige Resultat kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war kein Zufall.

Legende: Audio 80 Jahre Rätoromanisch als vierte Landessprache abspielen. Laufzeit 31:00 Minuten.
31 min, aus Zeitblende vom 10.02.2018.

An diesem Abstimmungssonntag läuteten in vielen Bündner Gemeinden die Kirchenglocken. Mit 91,6 Prozent Ja-Stimmen hatten die Schweizer Männer das Rätoromanische zur vierten Landessprache erklärt. Ein überwältigendes Resultat. Selten wurde eine Vorlage in der Geschichte der Schweiz derart deutlich angenommen.

Titelblatt des Nebelspalters. Darauf steht Quarta Lingua Naziunala auf einen Berg gemeisselt.
Legende: In Stein gemeisselt: Der Nebelspalter setzt im März 1938 ein Zeichen für das klare Ja. Reproduktion der Schweizerischen Nationalbank.

Im Jahr zuvor waren die Eidgenössischen Räte nach Graubünden gereist. Der damalige Bundesrat Philipp Etter, ein bedeutender Akteur im Kampf um die Anerkennung des Rätoromanischen, erinnert sich später in einem Interview an diese Reise.

Bundesrat Philipp Etter über den Besuch in Graubünden

«Der Empfang, das war ja etwas Herrliches. In Savognin, dort ist das erste Mal das Lied erklungen: «Cara Lingua dalla Mama». Wir hatten alle Tränen in den Augen. Ich habe mich zuerst geschämt. Aber dann sah ich, dass alle andern auch am Weinen waren. Dann in Zuoz, wo vor den alten Häusern die Bündnerinnen und Engadinerinnen sassen in ihrer wunderschönen roten leuchtenden Tracht. Dann in Truns wieder, in Disentis – überall wurden wir mit Jubel und Jauchzen empfangen. Und dort in diesen Dörfern haben wir die kleinen Buben und Mädchen auf Deutsch gefragt. Sie haben nur genickt mit dem Kopf, denn sie haben uns nicht verstanden. Da haben wir gesehen, dass das Rätoromanische wirklich ihre Muttersprache dieses Volkleins ist. Das war weitaus die schönste Kommissionssitzung und der schönste Augenschein, den wir hatten.»
Mann mit zwei Trachtenfrauen im Arm.
Legende: Begeistert empfangen und zu Tränen gerührt: Bundesrat Etter besucht am 6. Juli 1937 Zuoz. Lia Rumantscha

Ein Volk zwischen Hitler und Mussolini

Der Romanist Rico Valär, selbst Rätoromane und ab August Professor für Rätoromanische Literatur und Kultur an der Universität Zürich, ist überzeugt: Es ist kein Zufall, dass das Rätoromanische so kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zur vierten Landessprache wurde.

Am Ende der Zwischenkriegszeit – einer Zeit, in der es um das Selbstbestimmungsrecht der Völker ging – habe man immer mehr die eigene Identität, die Selbständigkeit der Schweiz zelebriert. So konnte die kleinste Minderheit der Schweiz Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Werbung dafür machen, dass auch sie als ein Teil der Schweiz anerkannt werde. «Die Umstände dieser Zeit waren ideal», ist Valär überzeugt.

Rico Franc Valär

Rico Franc Valär
Legende:SRF

Der aus Zuoz (GR) stammende Valär studierte romanische, rätoromanische und französische Sprach- und Literaturwissenschaften. Seit 2016 leitet er den Dienst Kulturelle Teilhabe beim Bundesamt für Kultur. Per 1. August 2018 übernimmt Valär die ausserordentlichen Professor für Rätoromanische Literatur und Kultur am Romanischen Seminar der Universität Zürich.

Das Selbstbewusstsein wächst erst langsam

Das sei bei der Gründung des modernen Bundesstaates noch anders gewesen: «Dass man 1848 bereits die Rechte einer so kleinen Minderheit berücksichtigt hätte, und dass die Rätoromanen diese Rechte eingefordert hätten, da war man damals noch überhaupt nicht so weit.»

Denn das Bewusstsein der Rätoromanen für Ihre Sprache und Kultur sei damals noch nicht so stark entwickelt gewesen – wie auch das Bild, das die übrige Schweiz noch Anfang des 20. Jahrhunderts von ihnen hatte: «Die Leute hatten keine Ahnung.»

Porträt von Lansel
Legende: Zuerst ein Anliegen der Elite: Der Bündner Schriftsteller Peider Lansel kämpfte für die Sprache. Fotograf Jon Feuerstein, publiziert in der Bilderbeilage zum Freien Rätier, 1923.

Von einer rätoromanischen Sprachbewegung könne man ab etwa 1880/1890 sprechen, erklärt Valär. Erst da gab es vermehrt auch im Umfeld der aufkommenden Presse und Vereine Bemühungen, das Rätoromanische zu erforschen und eine eigene Literatur zu schaffen. «Und damit einher geht auch ein neues Bewusstsein der Rätoromanen für ihre Sprache und Kultur.» Am Anfang war es allerdings eine Bewegung von Eliten.

Die Geburt der Idee der vierten Landessprache

Wichtig war die Gründung der Lia Rumantscha 1919, dem Dachverband aller rätoromanischen Organisationen. Ein Ziel der Lia war die Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Nationalsprache.

Streitschrift. Darauf steht Gerechtigkeit. Mit Zeichnung einer Bündnerin in Tracht.
Legende: Fordert Gerechtigkeit für die Minorität: Streitschrift des Jura-Studenten Otto Gieré. Stadtarchiv Zürich

Daneben gab es die rätoromanische Studentenbewegung mit Otto Gieré, der als erster sagte: «Gerechtigkeit und Demokratie bedeutet auch, dass eine Sprachminderheit wie die Rätoromanen dieses Recht haben können.» Und da waren Uniprofessoren, Publizisten und Schriftsteller wie Peider Lansel.

Trachten und Liedgut als Propagandawerkzeug

Die «Köpfe» achteten darauf, sich der damals in der ganzen Schweiz verbreiteten Heimat-, Trachten-, Volksliedbewegungen anzuschliessen. «Man hat die rätoromanischen Lieder und Trachten aufleben lassen und ins Volk gebracht.»

Titelblatt der Zürcher Illustrierten. Zwei Bündnerinnen in Trachten vor Berglandschaft.
Legende: Trachten als politische Propaganda: Titelblatt der Zürcher Illustrierten vom Februar 1938. Privatnachlass Piguet-Lansel, Sent

So wurde in der Bevölkerung eine Euphorie geschaffen – nicht nur für das Rätoromanische. «Es war die Zeit der geistigen Landesverteidigung. Es ging um eine Euphorie für die Schweiz, für die Schweizer Traditionen, für ein Gegenmodell zum Totalitarismus Deutschlands und Italiens», erklärt Valär. Für ein Modell der Einheit in der Vielfalt, wo nicht die Einheitlichkeit zelebriert wurde, sondern viele verschiedene Facetten der Schweizer Kultur. So habe es dann auch die Euphorie für die kleinste Minderheit gegeben, die wie die kleine Schweiz in Europa Anerkennung und Selbstbestimmung wollte.

Die Verkörperung des idealen Schweizers

Gleichzeitig wurden die Rätoromanen mit dem Bild der Urschweizer verbunden, ein Bild das seit dem Helvetismus des 18. Jahrhunderts bestand. «Der richtige und typische Schweizer ist der Bauer, der seine Scholle verteidigt und pflegt», erklärt Valär, «der seine Landschaft ehrt, der seine Traditionen pflegt.» Und so wurden die Rätoromanen dann dargestellt.

Titelblatt der Ilustré. Man sieht einen Bergerl mit Gewehr. Darunter steht: Chasseur romanche.
Legende: Das Bild des guten Schweizers: Rätoromanischer Jäger auf der Front einer Illustrierten, 1936. Privatnachlass Piguet-Lansel, Sent

Je mehr Anerkennung die Sprachbewegung und Kultur von aussen erhielt, desto mehr hätten dann die Rätoromanen selbst das Gefühl gehabt, dass man etwas besitze, das man verteidigen müsse.

«Weder Italiener noch Deutsche!»

Und tatsächlich gab es deutsche Wissenschaftler und Politiker, die die Bergler-Sprache ausrotten und alle Bündner deutschsprachig machen wollten. Gleichzeitig hielten die Italiener das Rätoromanische für einen italienischen Dialekt – und deshalb sollten die ganzen Gebiete der italienischen Schweiz, die italienischsprachigen Bündner-Täler aber auch das rätoromanische Gebiet italienisch werden.

Das habe bei den Rätoromanen eine Abwehrbewegung bewirkt: «Wir sind weder Italiener noch Deutsche! Wir sind Rätoromanen und wollen es auch bleiben!».

Im Dienste der geistigen Landesverteidigung

«Es war eine Win-Win-Situation – oder eine gegenseitige Instrumentalisierung», bilanziert Valär. Die Bewegung der geistigen Landesverteidigung wollte eine Art Verteidigungswillen schaffen auf der Grundlage einer gemeinsamen Identität. Und das Rätoromanische habe sich sehr gut in diese Ideologie integriert.

Die gut 92 Prozent Ja der abstimmenden Männer und die Zustimmung aller Stände stellten diese Einheit dann im Resultat dar. «Das hat natürlich auch der geistigen Landesverteidigung gedient».

Die verzögerte Geburt der viersprachigen Schweiz

Ihren Höhepunkt hatte die Ideologie 1939 – ein Jahr nach dem wuchtigen Ja – mit der Landesausstellung in Zürich.

Bündner Kinder in Tracht und mit Treicheln.
Legende: Aufmarsch der Bündner Buben: Das Rätoromanische hat an der «Landi» von 1939 auch Platz. Stadtarchiv Zürich

Erstmals war alles viersprachig. Die Einheit wurde zelebriert.

Doch viele Forderungen der Sprachgemeinschaft konnten erst nach 1945 auf nationaler Ebene durchgesetzt werden. Zum Beispiel die Ortsnamen: Bis in die 40er-Jahre hatte die Post einen Brief oder ein Paket nicht zu, wenn es mit Scuol statt Schuls adressiert war, erklärt Valär.

Schilder. Auf dem einen Steht Bahnhof, auf dem anderen Plazza Staziun.
Legende: Die Bezeichnung in zwei Sprachen wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Keystone

Eine sterbende Sprache?

Dass das Rätoromanische durch Bund und Kanton Unterstützung erhalte sei heute akzeptiert, bilanziert Valär. «Durch die rätoromanischen Medien wird die Sprache auch in der übrigen Schweiz wahrgenommen und geniesst Anerkennung.»

Bei der Volkszählung 1941 waren es 46'000 Personen, die Rätoromanisch als ihre Muttersprache angaben, heute noch knapp 40'000. Mittelbünden ist germanisiert worden, ebenso das Oberengadin.

Lehrerin mit Schülerinnen vor Schultafel. Darauf steht etwas auf Rätoromanisch.
Legende: Im Engadin lernen die Kinder in der Schule Rätoromanisch. Wo lernen es die Abgewanderten? Keystone

Ein Drittel der Rätoromanisch Sprechenden lebt heute nicht mehr in den Stammgebieten - wie pflegt die zweite oder dritte Generation dort das Rätoromanische weiter? Stirbt die Sprache aus?

Gerade die Kulturszene zeige, sagt Valär, wie lebendig und innovativ das Rätoromanische sein könne. Er gibt sich denn auch optimistisch: «Von Sterben kann keine Rede sein».

Weder Italiener noch Deutsche!

Der Autor hält das Buch in der Hand.
Legende:SRF

Die Bilder in diesem Beitrag wurden dem Buch «Weder Italiener noch Deutsche!, Link öffnet in einem neuen Fenster» (Die rätoromanische Heimatbewegung 1863-1938) von Rico Franc Valär und mit freundlicher Genehmigung des Verlags «Hier und Jetzt» entnommen.

Grafik zeigt Fakten zum Sprachraum des Rätoromanischen

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Pius Winiger (Pius Winiger)
    Super vielen Dank für alle 3 Auskünfte. Ich vertraue Wikipedia nicht zu 100% als Quelle, deshalb habe ich hier nochmals nachgefragt. Alle 3 bisherige Kommentarantworten stimmen überein und überzeugen mich. Ganz nach dem Motto: Lerne jeden Tag was Neues :-)
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  • Kommentar von Pius Winiger (Pius Winiger)
    Italienisch und Französisch haben ihren Ursprung im Latein. Die Deutsch Sprache kommt aus dem Indo-Germanischen. Weiss jemand von wo die rätoromanische Sprache herstammt? Welches sind ihre nächsten verwandten Sprachen?
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    1. Antwort von SRF News
      «Man kann die drei rätoromanischen Idiome, die kein zusammenhängendes Sprachgebiet besitzen, als Restdialekte des Latein der römischen Provinz Raetia ansehen, welche sich keiner anderen romanischen Sprache zuordnen oder als deren Dialekt einstufen lassen (Französisch, Italienisch). In der Tat entwickelten sich die rätoromanischen Mundarten weitgehend unabhängig von den benachbarten romanischen Kultursprachen und standen mit diesen seit der Römerzeit nur wenig oder gar nicht in Wechselwirkung.» Quelle: wikipedia
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    2. Antwort von Thomas Nigg (tnigg)
      Rätoromanisch hat ebenfalls lateinische Wurzeln. Die am nächsten verwandte "grosse" Sprache ist das Italienische. Noch näher sind Ladin im Südtirol und Friaulisch in Ostitalien sowie die lombardischen Dialekte im Tessin. Ursprünglich haben aber fast alle europäischen Sprachen (sowie auch Persisch oder Sanskrit) indogermanische Wurzeln (vor ca. 6000 Jahren war das alles noch dieselbe Sprache). Ausnahmen in Europa sind Baskisch, Ungarisch oder Finnisch.
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    3. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      Das Bündner Rätoromanische bildete sich wie z.B. Italienisch oder Portugiesisch aus dem Lateinischen heraus. Durch die Zerstücklung während der Germanisierung, ab dem 08. Jahrhundert, bildeten sich mehrere Idiome heraus. Idiome sind Dialekte mit eigener Schriftsprache. Die am nächsten verwandten Sprachen sind Ladinisch (im Südtirol) und Furlanisch (Im Friaul). Näher verwandt ist auch das Italienische.
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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Und bloss 80 Jahre später wird man als Nationalist beschimpft, wenn es gegen die Aufweichung des Schweizerdeutschen geht... Was für ein Ritt, Ich hab so einen Linksdrehschwindel :O).
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    1. Antwort von Armin Spreter (aspre)
      Wie würden wohl Computer, Navigationsgeräte, ... auf aufgeweichtes Deutsch reagieren?
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