Zum Inhalt springen

Abklärung für IV-Rente Bund erhöht Hürde für IV-Gutachter

Legende: Audio IV-Gutachten: Bund erhöht Hürde für Gutachter abspielen. Laufzeit 8:25 Minuten.
8:25 min, aus Espresso vom 27.11.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Bund schreibt neu vor: IV-Gutachter, die Traumapatienten beurteilen wollen, müssen eine anerkannte und aufwändige Zusatzausbildung zum Neuropsychologen absolviert haben.
  • Ob und wieviele ungenügend qualifizierte Gutachter bislang in diesem Bereich gearbeitet haben, ist unklar. Der Bund sagt, man habe auch ohne Regelung darauf geachtet, dass die Gutachter ausreichend qualifiziert gewesen seien. Kritiker sehen das anders.

Es geht um die heiklen, umstrittenen IV-Fälle, um psychische Probleme. Zum Beispiel der Fall eines zweifachen Familienvaters aus dem Kanton Thurgau, dessen Leben von einem Tag auf den anderen aus der Bahn geraten ist.

Nach einem Überfall kämpft der frühere Chef eines Sportartikelgeschäfts mit plötzlichen Aussetzern und unerklärlichen Krampfanfällen: «Ich lag in Fötusstellung auf den Boden oder fiel bewusstlos die Treppe hinunter», erzählt der Mann, der anonym bleiben möchte, gegenüber Radio SRF.

Kindheitstrauma ist schuld an Blackouts

Die Ärzte und Psychologen, die ihn nach dem Überfall untersuchen, finden heraus, dass die Anfälle nicht nur die psychischen Folgen des Überfalls sind, sondern offenbar auch ein Kindheitstrauma freigelegt wurde. Er sei von seinem Stiefvater fast täglich geschlagen und auch sexuell missbraucht worden, erzählt der Familienvater

Immer wieder von solchen Blackouts heimgesucht und derart traumatisiert, zieht er sich völlig zurück, sieht sich ausserstande, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Mehrere Fachleute bestätigen, dass er nicht mehr arbeitsfähig sei. Ihre Berichte liegen dem SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» vor.

IV: «Ein Simulant»

Legende: Video Grafik "Abklärungen der IV" abspielen. Laufzeit 0:33 Minuten.
Aus Kassensturz vom 22.05.2012.

Der Mann stellt bei der Invalidenversicherung (IV) ein Gesuch um Unterstützung, um eine Rente und Hilfe beim Wiedereinstieg ins Berufsleben. Doch die IV lehnt das Gesuch ab.

Sie kommt zum Schluss, der Mann sei voll arbeitsfähig und es kommt noch dicker: Das entscheidende Gutachten der Zürcher IV-Begutachtungsstelle PMEDA stempelt ihn zum Simulanten. Der Mann und seine Familie wehren sich vergebens gegen den Entscheid.

Bislang nur schwammig geregelt

Generell haben psychisch Kranke bei der IV schon seit Jahren einen schweren Stand. Nun hat der Bund aber eine Änderung vorgenommen, welche Betroffenen in Streitfällen zugute kommen dürfte. Seit Juli dieses Jahres gilt für IV-Gutachter, die neuropsychologische Krankheitsbilder beurteilen wollen, ein klares Anforderungsprofil: Es bedarf einer anerkannten, umfangreichen Zusatzausbildung zum Neuropsychologen.

Bislang waren die Qualifikationen in diesem Bereich gar nicht geregelt oder nur schwammig definiert: Mindestens ein Masterabschluss in Psychologie sei nötig, hiess es.

«Verheerend»

Juristen, die gegen negative IV-Entscheide kämpfen, spüren nun Rückenwind. Er werde vor Gericht jetzt vermehrt die allenfalls mangelhafte Qualifikation eines Gutachters ins Feld führe, erklärt etwa der Zürcher Anwalt David Husmann, ein Spezialist in Sachen IV. «Es ist doch verheerend, dass bislang auch ungenügend ausgebildete Leute solche matchentscheidenden Urteile gefällt haben», sagt er auf Anfrage von «Espresso».

Mindestens ein Urteil, das in diese Richtung geht, gibt es schon: Bereits 2016 hat das Luzerner Kantonsgericht eine IV-Gutachterin als unqualifiziert taxiert. Pikant: Dieselbe Gutachterin hat auch jenen Thurgauer Familienvater begutachtet.

Dieser überlegt sich nun, in Revision zu gehen, also zu erreichen, dass sein Fall nochmals neu aufgerollt wird. Beim Bund und der IV verwahrt man sich aber gegen den Vorwurf, vor dem letzten Juli habe es unqualifizierte IV-Entscheide gegeben. Schon unter den bisherigen Anforderungen seien hochwertige Gutachten erstellt worden, sagt Ralf Kocher vom Bundesamt für Sozialversicherungen.

Beim Verband der Schweizer Neuropsychologen sieht man dies etwas anders: Man kenne einzelne Fälle von Gutachtern, die definitiv nicht das ausreichende Rüstzeug für ein neuropsychologisches Gutachten mitgebracht hätten. Leute, die zum Teil seit Jahren für die IV Gutachten erstellen würden.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

12 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Joachim Kohler (joko)
    Sehr geehrter Herr Markus Kohler Ihr Kommentar ist unsorgfältig geschrieben. Er erweckt nämlich den (falschen) Eindruck, dass Neuropsychologen bei IV-Gutachten lediglich für Testungen hinzugezogen werden. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass neuropsychologische Testungen meistens deutlich objektiver sind als der subjektive klinische Eindruck von Psychiatern, wird hier am Thema vorbei und einmal mehr der hartnäckigen, ärztlichen Überheblichkeit gegenüber Nichtmedizinern das Wort geredet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Eva Werle (Eva Werle)
    Ob eine höhere Qualifikation die Misere verbessern wird? Nicht solange Gutachter einem regelrecht das Wort im Mund umdrehen, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Das ist keine Frage der Qualifikation! Das ist politisch so gewollt. Eine Chance hat offenbar nur, wer prozessieren kann. Eine Invalidenversicherung, die (wie in meinem Fall) sogar Prävention gegen Arbeitsplatzverlust verweigert, sollte sich nicht durch Zwangsbeiträge finanzieren dürfen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Fabio Krauss (FabioK)
    Meines Erachtens braucht es zuerst eine schonungslose Grundsatzdebatte, in welcher festgelegt wird, was nicht nur als „krank“, sondern als „IV-krank“ gilt bzw. gelten darf. Es steht wohl ausser Frage, dass es Menschen gibt, die Unterstützung brauchen. Genauso müssen aber auch Missbrauchsfälle diskutiert und effektiv bekämpft werden. Viele hart arbeitenden Büezer sind die gelackmeierten, wenn andere wegen diffusen „Rückenschmerzen“ eine IV-Rente erhalten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten