Roter Pass gefragter: Die Angst spielt mit

Migranten lassen sich wieder vermehrt einbürgern. Dazu trage auch das politische Klima im Land bei, sagen Experten: Denn Durchsetzungsinitiative und Co. hätten Unsicherheit gestreut.

Ein Mann vor einem SVP-Plakat zur Durchsetzungsinitiative.

Bildlegende: Haben die einwanderungskritischen Initiativen und Debatten Spuren bei Migranten hinterlassen? Keystone

Rund 8800 Personen liessen sich zwischen Januar und März einbürgern. Das sind 40 Prozent mehr als im gleichen Quartal letztes Jahr. Für Walter Leimgruber, den Präsidenten der Eidgenössischen Migrationskommission, steht fest: Dieser kleine Run auf den roten Pass sei teilweise mit einer Stimmung im Land gegenüber Ausländern zu erklären.

Und zwar mit der «Unsicherheit über die Situation von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz, die hervorgerufen worden ist durch die verschiedenen Abstimmungen und Diskussionen über Migrationspolitik.»

Ausschaffungsinitiative, Durchsetzungsinitiative, Masseneinwanderungsinitiative: SVP-Vorlagen wie diese hätten Ausländerinnen und Ausländern teilweise Angst eingejagt, sie müssten das Land vielleicht verlassen. Das Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Gesteigertes Bedürfnis nach Mitbestimmung?

Ein solches Klima der Unsicherheit sehe sie nicht, sagt allerdings SVP-Nationalrätin Yvette Estermann. Sie präsidiert den Verein «Neue Heimat Schweiz», der sich gezielt an bürgerliche Personen mit Migrationshintergrund richtet. «Ich glaube nicht, dass das ‹potenziell Kriminelle› sind. Ich bin überzeugt, dass sich die Menschen sagen: ich möchte mitbestimmen, hier leben und hier bleiben.»

Fest steht jedenfalls: Den roten Pass wollten in den letzten Monaten mehr Menschen. Aber diese Zunahme ist eher neu. In den Jahren ab 2006 ist die Zahl der Einbürgerungen nach Zahlen des Bundesamts fürs Statistik stetig von fast 47'000 auf knapp 33'000 im Jahr 2014 gesunken. Letztes Jahr stiegen sie erstmals wieder, auf etwas über 40'000.

Leimgruber stellt daher fest, dass sich die Zahlen immer noch auf einem «relativ tiefen Niveau» bewegen: «Bei einem Bevölkerungsanteil von etwa einer Million, der sich einbürgern lassen könnte, tut es nur ein relativ kleiner Prozentsatz.» Das Einbürgerungsverfahren sei zu langwierig und kompliziert.

Der Weg zum roten Pass bleibt steinig

Die grüne Nationalrätin Sibel Arslan, die die Basler Sektion des Vereins Secondos Plus begründetet, pflichtet dem bei: «Es sollte eigentlich viel einfacher und günstiger sein. Und natürlich sollte die zweite und dritte Generation automatisch eingebürgert werden.»

Einen Schritt in diese Richtung macht die Schweiz vielleicht: Der Ständerat sprach sich vor einem halben Jahr grundsätzlich für eine erleichterte Einbürgerung der dritten Generation aus – also von Ausländern, die in der Schweiz geboren und deren Eltern bereits hier aufgewachsen sind. 100'000 Personen könnten derzeit davon profitieren, schätzt die zuständige Kommission des Nationalrats.