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Atomausstiegs-Initiative AKW-Stilllegung: Warum ist die Schweiz so viel billiger?

Deutschland veranschlagt die Kosten des Atomausstiegs neu auf 60 Milliarden Euro. Das sind zwei Milliarden für jeden grösseren Reaktor. Die Schweiz dagegen will alle fünf Reaktoren für drei Milliarden Franken abbauen können und käme damit dreimal günstiger weg. Was ist davon zu halten?

Jürgen Trittin, der grüne Politiker und frühere deutsche Umweltminister, hat sich in den letzten Monaten intensiv mit den Kosten für die Stilllegung und Entsorgung der deutschen Kernkraftwerke auseinandergesetzt. Als Chef einer Expertenkommission arbeitete er eng mit den Kraftwerkbetreibern zusammen. Gestern hiess die deutsche Regierung seinen Vorschlag für eine Neuregelung der Entsorgungskosten gut.

Jürgen Trittin.
Legende: Deutschlands ehemaliger Umweltminister Jürgen Trittin stellte neue Zahlen zum Atomausstieg vor. Keystone/Archiv

Dabei lässt eine bestimmte Zahl aufhorchen. Trittin bestätigt gegenüber SRF News: «Die reinen Stilllegungs- und Rückbaukosten, nicht eingerechnet die Zwischen- und Endlagerung, belaufen sich nach den heutigen Berechnungen auf 60 Milliarden Euro.»

60 Milliarden für den Rückbau von gut 30 grösseren Reaktoren. Das macht sage und schreibe zwei Milliarden Euro pro Reaktor. Trittin weist die Vermutung «grüner Schwarzmalerei» zurück: «Es sind die Beträge, welche die Betreiber bisher in ihren Bilanzen zurückgestellt haben. Diese sind attestiert durch die Wirtschaftsprüfer und auch nochmals durch unsere Kommission überprüft worden.»

Trittin weist also den Vorwurf von sich, mit diesen Zahlen Politik zu machen. Er verweist auch auf eine EU-Studie, die den Deutschen attestiert, sehr solide kalkuliert zu haben. Andere Staaten wie etwa Tschechien rechnen die Kosten für die Stilllegung dreimal tiefer ein. Trittin hält diese Annahmen für «völlig weltfremd» und verweist auf die Erfahrungen mit den Abrissen in Würgassen und Stade sowie mit dem laufenden Rückbau in Obrigheim.

Das halte ich aufgrund der Erfahrungen mit Würgassen, Stade und Obrigheim für völlig weltfremde Annahmen.
Autor: Jürgen TrittinEhemaliger deutscher Umweltminister, Grüne

«Völlig weltfremd» wären demnach auch die Schweizer Berechnungen. Denn hierzulande geht man derzeit von drei Milliarden Franken Stilllegungskosten für alle fünf Reaktoren aus. Das macht gerade einmal 600 Millionen pro Reaktor. Die Schweiz rechnet damit ebenfalls mit dreimal geringeren Stilllegungskosten als Deutschland.

Muss die Schweiz bald korrigieren?

Raimond Cron, Präsident der Verwaltungskommission des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds der Kernkraftwerke, sagt dazu: «Ich kenne die Zahlen von Trittin nicht. Ich halte mich an unsere Berechnungen, die neutral überprüft worden sind.

Ich habe keinen Grund, an der Richtigkeit der Schweizer Zahlen zu zweifeln.
Autor: Raimond CronPräsident der Verwaltungskommission des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds der Kernkraftwerke

Die Schweizer Zahlen werden alle fünf Jahre neu berechnet. Die nächste Berechnung wird voraussichtlich kurz vor Weihnachten veröffentlicht. Das letzte Mal waren die Kostenprognosen um knapp einen Viertel erhöht worden.

38 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    In der Schweiz wird bewusst mit falschen Zahlen gearbeitet, um die Zukunft der Atomenergie nicht zu gefährden, welche für gewisse Kreise nach wie vor ein lukratives Geschäft ist. Dazu gehört auch, dass die Kosten für die nach wie vor nirgendwo befriedigend gelöste Endlagerung unberücksichtigt bleiben und die Kraftwerke mindestens um den Faktor 1000 unterversichert sind !!!
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  • Kommentar von Christian Weber (cw)
    Die Deutschen haben ja auch viel Mühe einen neuen Flughafen zu bauen.
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  • Kommentar von N. Schmid (Schmid)
    Zwischen 1970 und 2012 ist Braunkohle, Steinkohle und Atomenergie in Deutschland mit über 600 Mrd € subventioniert worden. Erneuerbare Energien haben demgegenüber lediglich 67 Mrd € erhalten - letztes Jahr allerdings bereits 35% des Strombedarfs gedeckt. Selbst in China, welches den Neubau von AKW mit Abstand am stärksten subventioniert, hat die Wind- inzwischen die Atomstromproduktion überholt, weil neue AKW selbst wenn die Rückbau- und Endlagerkosten ignoriert werden, schlicht zu teuer sind.
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    1. Antwort von Peter Brenner (Brenner)
      @Schmid, geben Sie doch endlich mal die Subvention in Cent/kWh erzeugten Strom seit 1970 für KKW bzw. für Wind/Solar seit 1990 an. In etwa: Für KKW-Strom < 1 cent, für PV/Wind ca. 35 cent. Von Deckung des Strombedarfs durch EE kann keine Rede sein. Stromproduktion ist nicht gleich Stromversorgung. Kein CO2 wurde eingespart, kein Kohlekraftwerk ersetzt. In China wird gemäss Plänen der Regierung Wind/Solar nur zu je 1% an der Produktion in 2050 beteiligt sein, KKW jedoch mit mehr als 20%.
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    2. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Solar- und Windkraft erhält pro kWh nur einen Bruchteil was die AKW erhalten. Das neue AKW in England erhält sogar insgesamt eine Subvention von 145 Mrd GBP und hat eine Bauzeit von mindestens 10 Jahren. Mit diesem Betrag kann man über 10 mal so viel Windkraft finanzieren. Das heisst: Wesentlich mehr Brennstoffverbrauchsreduktion in viel kürzerer Zeit, mehr Versorgungssicherheit, keine Energieträgerimportabhängigkeit, keine horrenden Rückbau- und Endlagerkosten und keine Restrisiken.
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