100-Franken-Vignette: Tessiner Gemeinden fürchten Mehrverkehr

Gemeindepräsidenten in der Südschweiz rechnen wegen der teureren Autobahn-Vignette bald mit mehr Regionalverkehr. Vor allem Grenzgänger könnten künftig auf den Kauf der Vignette verzichten und auf die Hauptstrassen ausweichen.

50'000 Italiener fahren täglich ins Tessin zur Arbeit, die meisten mit dem Auto. Nicht alle werden ab 2015 bereit sein, für die Schweizer Autobahn-Vignette einen Preisaufschlag um 150 Prozent hinzunehmen. Dies jedenfalls befürchten viele Gemeindepräsidenten der Region.

Autokolonne auf einer Tessiner Hauptstrasse.

Bildlegende: Das Südtessin leidet bereits heute unter dem starken Nah- und Grenzverkehr. Keystone

Schon heute würden die Einwohner im südlichen Tessin übermässig unter dem Strassenverkehr leiden, sagt der Tessiner Nationalrat Ignazio Cassis als Fürsprecher der Tessiner Gemeindepräsidenten. Und: «Wir befürchten, dass die Belastung mit der 100-Franken-Vignette nochmals steigt.»

In Rivera am Monte Ceneri wird bald ein riesiger Aquapark eröffnet. Die Betreiber hoffen auf Zehntausende Besucher aus der Lombardei. Doch die Befürchtung ist gross, dass viele von der Vignette abgeschreckt werden könnten.

Deshalb forderte Nationalrat Cassis statt einer zweimonatigen Touristenvignette für 40 Franken die Einführung einer Tagesvignette für 10 Franken. Das erfordere zu viel Bürokratie, Personal und generiere erst noch weniger Einnahmen, beschied aber der Bundesrat.

Im Tessin wird man die Entwicklung beobachten und vom Bund nötigenfalls verlangen, einen Teil der Tessiner Autobahnen von der Vignettenpflicht zu befreien.

Vignette kostet in Österreich bereits 100 Franken

Bedenken gegen die teurere Autobahn-Vignette gibt es auch in der Grenzregion der Ostschweiz. Viele Vorarlberger würden statt der Autobahnen in der Schweiz künftig die Hauptstrassen benützen, ist Jürgen Wagner vom österreichischen Touringclub überzeugt. Vor allem im grenznahen, sogenannten kleinen Grenzverkehr werde dies «auf jeden Fall» passieren.

In den süddeutschen und österreichischen Internet-Foren werden die Schweizer von den einen als «Abzocker» beschimpft. Andere zeigen Verständnis und weisen darauf hin, dass auch in Österreich bereits heute pro Jahr rund 100 Franken für die Autobahnbenützung fällig sind.

Um einiges gelassener als ihre Tessiner Kollegen sehen die Gemeindepräsidenten im St. Galler Rheintal der teureren Vignette entgegen. Bereits heute mit der 40-Franken-Vignette gebe es regen Umwegverkehr in der Region, sagt St. Margrethens Stadtpräsident Reto Friedauer. Ohne zu dramatisieren rechnet er damit, dass dieser mit der teureren Vignette noch zunehmen wird.

Mit ein Grund für den starken Grenzverkehr sowohl in der Ostschweiz wie auch im Tessin dürfte der schwach ausgebaute öffentliche Verkehr sein: In beiden Regionen fehlt ein vernünftiger Verbund des ÖV für die zahlreichen Grenzgänger.