Zum Inhalt springen

Durchsetzungs-Initiative Durchsetzungsinitiative: Machtkampf zwischen Volk und Parlament

Die Abstimmungen vom kommenden 28. Februar und vor allem die Durchsetzungsinitiative sind zurzeit in aller Munde. Letzter medialer Aufruf war der Widerstand von 273 Bundes-Parlamentariern gegen die Initiative der SVP. Was steckt dahinter und wie effektiv sind solche Aktionen?

Personen fahren mit einem Moto-Roller an einem SVP-Plakat vorbei
Legende: Bei der SVP wird das schwarze Schaf wieder aus dem Land geschubst. Die Durchsetzungsinitiative ist in aller Munde. Keystone/Archiv

Die Durchsetzungsinitiative sorgt für eine Welle an Pro- und Contra-Artikeln in der Schweizer Medienlandschaft und füllt auch entsprechend die Kommentarspalten. Die letzte Aktion der Gegnerschaft ist das Manifest gegen die Durchsetzungsinitiative, welches von 273 amtierenden und ehemaligen Bundes-Parlamentariern unterzeichnet wurde.

Die grosse Zahl an prominenten Gegnern und auch die Intensität der Gegnerschaft werfen Fragen auf: Wie effektiv sind solche Aktionen und Aufrufe? Besteht die Gefahr, dass solche Mobilisierungskampagnen kontraproduktiv wirken? Sind es konzertierte Aktionen mit Kalkül? SRF News hat mit drei Politologen darüber gesprochen.

Es geht um einen Machtkampf

Für den Politologen Michael Hermann ist es fraglich, ob das Engagement der 273 Parlamentarier etwas nützt. Die eigene Seite müsse nicht mehr mobilisiert und überzeugt werden. «Denn schliesslich geht es hier um einen Machtkampf zwischen dem Parlament und dem Volk», erklärt der Politgeograf.

Tatsächlich gehe es hier auch um die Interessen des eidgenössischen Parlaments, welches die Vollzugsgesetzgebung bei der Durchsetzungsinitiative nicht mehr machen könnte, meint auch Politikwissenschaftler Adrian Vatter von der Uni Bern.

Ist das kontraproduktiv?

Wirksamer seien Testimonials, persönliche Zeugnisse von Dritten, ist Hermann der Meinung. Stellungnahmen von Personen, welche bei der Vorlage nicht Partei seien, wirkten bei der Meinungsbildung am effektivsten. Bei Aktionen oder Aufrufen von betroffenen Gruppen sei es eben nicht ganz auszuschliessen, dass sich dies kontraproduktiv auswirke.

Das Problem einer kontraproduktiven Wirkung sieht der Politologe Lukas Golder jedoch nicht. Die Wahrnehmung von Positionen sei für bestimmte Gruppen von Stimmberechtigten hilfreich. «Im Abstimmungskampf werden von Personen, die an der Abstimmung teilnehmen wollen, sehr viele Informationen verarbeitet und dies hat für die Orientierung grosse Bedeutung», sagt Golder. Wenn man also genau wisse, aus welcher Richtung eine Meinung komme, dann könne dies beim Entscheid helfen.

Gebrannt von ähnlichen Vorlagen

Aussergewöhnlich bleibe zudem die grosse Zahl von Personen, die sich öffentlich zu einem Abstimmungsthema äusserten, erklärt Michael Hermann.

Für Adrian Vatter ist das ein Zeichen, dass verschiedene Gruppierungen vom Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative gebrannt seien und nun den Fehler nicht noch einmal begehen wollten. Am Schluss gehe es aber um die Mobilisierung, so Vatter: «Entscheidend wird sein, wie die bürgerlichen Parteien und ihre Anhänger zur Durchsetzungsinitiative stehen.»

Kalkül steckt nicht dahinter

Das am Sonntag veröffentlichte Manifest gegen die Durchsetzungsinitiative ist vorläufig das Ende einer Reihe von Gruppierungen – zuerst die Bundesrichter, dann die Rechts-Professoren und nun die Bundes-Parlamentarier – welche sich dezidiert gegen die Abstimmungsvorlage äussern. Sieht das nicht etwas nach einer orchestrierten Aktion aus?

Daran glauben die Experten nicht. «Das sind Kreise, die sich wirklich besorgt um das Gleichgewicht in unserer Demokratie zeigen», betont Adrian Vatter. Es sei ein übergeordnetes Unbehagen von Personen, die aus staatspolitischer und demokratischer Sicht das institutionelle Gleichgewicht der Gewalten in Gefahr sehen, wenn Parlamentarier und Richter mit dem Initiativtext kaltgestellt werden.

Zurückhaltend zeigt sich auch Lukas Golder. Ob eine Kampagne orchestriert sei, sehe man vor allem, wenn viel Geld investiert werde. «Dann sieht man überall Plakate», meint Golder. Wenn aber wie hier verschiedene Akteure die Führung bei der Meinungsbildung übernähmen, dann sei die Koordination schwierig und eben nicht alles perfekt zeitlich orchestriert und somit stecke auch weniger Kalkül dahinter.

Von der Krux mit den Februar-Abstimmungen

Der spezielle Abstimmungstermin Anfang Jahr scheint auch einen Nebeneffekt bei den
Vorlagen zu haben. Es sei sehr oft so, dass bei den Februar-Abstimmungen der
Abstimmungskampf sehr intensiv sei, erklärt Adrian Vatter. Vor Weihnachten
könne man mit der Mobilisierung nicht beginnen, weil die Stimmberechtigten mit
anderen Sachen beschäftigt seien. «Somit bleiben nur sechs bis acht Wochen für
den Abstimmungskampf», sagt Vatter. Und damit sei gegeben, dass der Kampf um
die Stimme des Volkes kurz, aber intensiv stattfinde.

96 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Edwin Habegger (vonwegen)
    Ursula Schüpbach (Artio) ja ich bin mir auch sicher, z. B. der Bundesrichter, der sich öffentlich geäussert hatte, er sprach gewiss aus bester Kenntnis und einer echten Besorgnis heraus. Eine gewisse Tragik: leider könnten gerade auch publizistisch breitgeschlagene, von aussen gesehen schwer nachvollziehbare Justizurteile dieser unglücklichen Initiative schliesslich zur Mehrheit der Stimmen verhelfen. Es wird bei der Meinungsbildung vieler Stimmberechtigter vielfach sehr (zu) kurzgeschlossen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Edwin Habegger (vonwegen)
    Frau Beppie Hermann, ich muss Ihnen leider sehr recht geben: aber weil Geld und gesellschaftlich politischer Einfluss manche Suche nach Gerechtigkeit verderben, kann solches doch nicht rechtfertigen, einen unentbehrlich gesunden Grundsatz auf Verfassungsstufe auszusetzen. Das nennt man das Kind mit dem Bade ausschütten. Unsere Verfassung ist bald 170 Jahre alt. Aus politisch - gesellschaftlicher Sicht tatsächlich noch, wie sich gerade jetzt zeigt, 'verletzliches Kind' (das man schützen sollte.)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ursula Schüpbach (Artio)
    Wenn sich wie in dem Fall z.B. Richter öffentlich zu Wort melden, dann aus dem einfachen Grund, weil sie beruflich u. persönlich verdammt viel damit zu tun haben u. wohl Gerichtssäle u. die Diskussionen dort besser kennen als andere. Das ist nicht viel anders wie bei Bauern. Wenn die sich zu Landwirtschaftsdingen äussern, die zur Debatte stehen, äussern die sich ja mitunter auch öffentlich. Und auch sie sind nicht alle ein Herz und eine Seele. Aber ihre Stimmen gehören trotzdem nicht verboten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen