Grundversicherung: Spielt der Wettbewerb überhaupt?

Eine statt 61: Ende September stimmen wir darüber ab, ob es für die obligatorische Grundversicherung künftig nur noch eine öffentliche Krankenkasse geben soll. Befürworter argumentieren unter anderem, heute gebe es bei der Grundversicherung sowieso nur einen Pseudo-Wettbewerb. Stimmt das?

Eine Frau sitzt hinter zwei Bildschirmen in einem Grossraumbüro.

Bildlegende: Stichwort Verwaltungskosten: Hier unterscheiden sich die verschiedenen Krankenkassen. Keystone/Symbolbild

Im Büro der Krankenkasse Klug in Zug hat Geschäftsführerin Yvonne Dempfle gut lachen: Sie führt mit Abstand die effizienteste Krankenkasse der Schweiz. Die Verwaltungskosten pro versicherte Person liegen bei ungefähr 60 Franken. Das sind 100 Franken weniger als im Schnitt.

«Wir haben vor allem in den letzten drei, vier Jahren sehr stark an der Verbesserung unserer internen Strukturen gearbeitet», begründet Dempfle. So seien beispielsweise vor drei Jahren gerade mal zehn Prozent Belege elektronisch bei Klug eingetroffen. Heute seien es 80 Prozent.

Die 13 Angestellten im Klug-Büro betreuen rund 16‘000 Versicherte. Das macht pro Person 1200 Versicherte. Alle machen alles, von der Kundenberatung bis hin zur Kontrolle der Abrechnungen von Ärzten und Spitälern.

Was auffällt: Klug versichert viele Kinder. Die Versicherten sind im Schnitt junge 34 Jahre alt. Wenn also die letzten Lebensjahre im Alter die hohen Gesundheitskosten ausmachen, stellt sich die Frage: Hat sich Klug so einen Versichertenstamm gesichert, der kaum Kosten verursacht? «Das ist ein Vorurteil. Denn Kinderprämien sind eigentlich nicht kostendeckend», sagt Dempfle dazu. Klein und ohne teuren Verwaltungsapparat, lautet ihr Rezept.

Helsana hat älteren Kunden

Bei Helsana in Dübendorf bei Zürich schlagen die Verwaltungskosten mit rund 230 Franken pro versicherte Person und Jahr deutlich mehr zu Buche als bei Klug. Die grösste Krankenkasse versichert über eine Million Menschen und beschäftigt rund 3000 Angestellte in der ganzen Schweiz. Das entspricht einem Betreuungsverhältnis von eins zu 300.

Direktions-Mitglied Alex Friedl leitet das Service Zentrum in Dübendorf. «Über alles gesehen sind Helsana-Versicherte teurer, weil sie älter sind und häufiger medizinische Leistungen beziehen», sagt er. Mehr zur Ärztin oder ins Spital bedeutet auch für die Versicherung mehr Aufwand – mehr Rechnungen, mehr Rückfragen.

Die Helsana hat die Betreuung ihrer Versicherten regional aufgebaut. Für Dübendorf sind es jene aus der Region Zürich, Schaffhausen und Zentralschweiz. Hier werden unter anderem Abrechnungen geprüft und erledigt.

Medizinisches Fachwissen gefragt

Für Friedl ist die Grösse ein Vorteil: «Wir haben eine Grösse, die uns erlaubt, eine gewisse Spezialisierung bei den Mitarbeitenden zu schaffen. Wir können uns auf verschiedene Krankheitsbilder und Gesundheitssituationen spezialisieren und dadurch den Versicherten einen hohen Nutzern bieten.» Es werde rasch entschieden über offene Rechnungen oder ob nach einem Spitalaufenthalt die Reha bezahlt wird.

Den Mitarbeitenden im Grossraumbüro hilft dabei ein auf Falldaten basiertes Computer-System, das auf den ersten Blick zeigt, ob eine Behandlung Sinn macht. Alle Helsana-Angestellten hier haben medizinisches oder psychiatrisches Fachwissen. Komplexe Fälle werden durch ein Case Management begleitet.

Ein teurer Verwaltungs-Apparat also? Das sieht Friedl nicht so. «Wir stellen fest, dass wenn ein Versicherter optimal versorgt wird und die optimalen Behandlungen erhält, dann profitiert er von einer guten Gesundheit.» Auch die Gesellschaft und die Versicherer profitierten von tieferen Behandlungskosten, weil unnötige Behandlungen oder Doppelbehandlungen verhindert würden.

Spielraum für Kassen bleibt

Laut Friedl gewinnen also unter dem Strich alle. Er räumt aber auch ein, dass der Helsana ein Spagat gelingen müsse zwischen effizienter Verwaltung und dem Kontakt zu den Versicherten.

Helsana und Klug zeigen: Die 61 Krankenkassen unterscheiden sich – auch wenn der Wettbewerb reguliert ist. Spielraum bleibt durchaus, etwa mit dem Fokus auf möglichst tiefe Kosten pro Versicherten oder auf eine enge Begleitung im Krankheitsfall.