Wie problematisch ist die Nahrungsmittel-Spekulation?

Der Bundesrat lehnt die Initiative ab, mit welcher die SP, die Juso und verschiedene Entwicklungsorganisationen die Spekulation mit Grundnahrungsmitteln verbieten wollen. Die Initianten ihrerseits werfen Spekulanten vor, indirekt dafür verantwortlich zu sein, dass Menschen hungern.

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Bundesrat gegen Spekulations-Initiative

1:22 min, aus Tagesschau am Mittag vom 12.1.2016

Es gibt Händler und Spekulanten, die auf sinkende oder steigende Preise von Lebensmitteln wie Reis, Mais oder Weizen setzen. Damit würden sie die Preisausschläge der Grundnahrungsmittel verstärken, sagt die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer vom Initiativkomitee. Zwar sei die Spekulation mit Nahrungsmitteln nicht der einzige Faktor, der die Preise bestimme. Doch sie habe in den letzten Jahren zugenommen und sei inzwischen «ein grosses Problem».

Extreme Preisspitzen und -blasen

Schädlich sei insbesondere das kurzfristige Ausnützen von Preisdifferenzen, so Bruderer. Damit würden die Preise manchmal sehr rasch stark in die Höhe getrieben. «Es sind die extremen Preisspitzen und Preisblasen, welche das grundsätzliche Problem sind.» Dies wolle man mit der Volksinitiative bekämpfen.

Die Schweiz als Finanzplatz und Heimat vieler Rohstofffirmen sei beim Handel mit Lebensmitteln und Lebensmittelpreisen eine wichtige Drehscheibe, sagt Bruderer. Trotzdem hinke man bei der Regulierung des Handels im Vergleich mit den USA oder der EU hinterher. Deshalb wolle man mit der Initiative einen Schritt in die richtige Richtung tun. «Gerade weil die Schweiz, was den Welthandel mit Agrarprodukten anbelangt, eine grosse Verantwortung hat.»

Bundesrat warnt vor Annahme

Das sieht der Bundesrat ganz anders: «Würde die Initiative angenommen, wäre dies ein sehr problematisches Zeichen für den Wirtschaftsstandort Schweiz», sagt Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Ein Zusammenhang zwischen Spekulation und steigenden Preisen bei Nahrungsmitteln sei nicht erwiesen. Vielmehr seien es andere Faktoren, die zu steigenden Lebensmittelpreisen führten, so der Volkswirtschaftsminister.

Wettereinflüsse wie Dürreperioden oder Frost hätten weit grösseren Einfluss auf die Preise der Grundnahrungsmittel, als die Spekulation. Hinzu kämen staatliche Interventionen wie Exportbeschränkungen, welche die Preise beeinflussten. Auch gebe es in der Schweiz gar keine Handelsplätze für Nahrungsmittelderivate. Die wichtigsten Rohstoffbörsen liegen in den USA und in der EU. Deshalb kommt Schneider-Amman zum Schluss: «Ein Verbot der Spekulation in der Schweiz beeinflusst die internationalen Märkte nicht.»

Einig ist sich der Bundesrat mit den Initianten immerhin in einem Punkt: Die Schweiz muss mithelfen, den Hunger auf der Welt zu bekämpfen. Das tue sie mit Entwicklungshilfe im Umfang von drei Milliarden Franken im Jahr, so der Bundesrat. Für ihn ist das genug, für die Initianten hingegen zu wenig.

SRF-Wirtschaftsredaktor Massimo Agostinis über die Nahrungsmittel-Spekulation

«Es gibt so genannt positive und negative Spekulation mit Nahrungsmitteln. ‹Positiv› ist, wenn ein Händler den Preis für Getreide, das er erst in drei Monaten kauft, bereits heute abmacht. So kann er gesichert kalkulieren und auch der Getreideproduzent weiss schon heute, wie viel er in drei Monaten für sein Getreide erhalten wird. Und damit wissen auch die Bäcker, die das Getreide dereinst zu Brot verarbeiten, bereits heute, wie viel sie werden bezahlen müssen. Aus Sicht der Kritiker beginnt die ‹negative› Spekulation dann, wenn Händler auf den Plan treten, die physisch gar nicht mit dem Getreide handeln, sondern auf steigende oder fallende Preise setzen und damit den Trend verstärken – sei es nun nach oben oder nach unten. Das ist für viele Menschen in der Dritten Welt ein Problem, sei es nun bei steigenden Preisen für die Konsumenten oder bei fallenden Preisen für die dortigen Bauern. Die Schweiz ist beim direkten, also ‹positiven› Handel mit Nahrungsmitteln die Nummer Eins der Welt. Bei der ‹negativen› Spekulation mit Finanzderivaten dagegen spielt sie eine kleinere Rolle. Derivate werden vor allem in den USA und in Asien gehandelt.»

Abstimmung Ende Februar

In einer Meta-Studie haben die Universitäten Basel und Luzern rund 100 Einzelstudien zum Thema Spekulation mit Nahrungsmitteln ausgewertet. Vier von fünf Untersuchungen kamen zum Schluss, dass spekulative Geschäfte mit Agrarderivaten Preisschwankungen nicht beeinflussen oder gar verringern. Die Initiative der Juso kommt am 28. Februar an die Urne.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Bundesrat lehnt «Initiative gegen Nahrungsmittelspekulation» ab

    Aus Tagesschau vom 12.1.2016

    Ende Februar wird auch über die Initiative «Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln» abgestimmt. Der Bundesrat lehnt diese ab und erklärte heute weshalb.