Fragen und Antworten zur Präimplantationsdiagnostik

Die Schweiz regelt die künstliche Befruchtung viel strenger als ihre Nachbarstaaten. Nun diskutiert der Ständerat, ob die Regelungen bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) gelockert werden sollen. Die PID ist sonst nur noch in Österreich und Italien verboten. Fragen und Antworten zum Thema.

Älterer Mann mit Brille hebt die Hand vor einem Mikrofon.

Bildlegende: Für die Reform ist der Ständerat Luc Recordon, Grüne Partei. Keystone

Immer mehr Kinder werden im Reagenzglas erzeugt. In diesem Frühstadium darf ihre Gesundheit aber nicht untersucht werden. Das Parlament ringt seit langem um eine Lockerung der strengen Vorschriften.

In Erinnerung haftet der Appell des früheren Nationalrates der Grünen, Luc Recordon, der mit einer starken Behinderung auf die Welt gekommen ist. In der Debatte bekundete er, dass Kinder wie er lieber nicht geboren worden wären. Etwa 6000 Frauen lassen mittlerweile jedes Jahr ihre Eizellen ausserhalb des Mutterleibes befruchten. Jede Dritte wird Mutter.

Was ist Präimplantationsdiagnostik (PID)?

Künstlich erzeugte Embryonen werden vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib gentechnisch untersucht. Ein Embryo, der später unter einer schweren Erbkrankheit leiden würde, wird ausgeschieden. Im Gegensatz zur Schweiz ist die PID in den meisten europäischen Ländern erlaubt.

Bundesrat und Parlament wollen dieses Verbot lockern. Der Nationalrat will die PID allen Eltern erlauben, die auf die künstliche Befruchtung zurückgreifen. Der Ständerat bisher nur Paaren, in deren Familie schwerwiegende Erbleiden wie Zystische Fibrose oder Muskelschwund bekannt sind.

Auf dem Weg zum Designerbaby?

Die Schweiz will keine «Rettungsgeschwister»: Kinder, die von den Eltern künstlich gezeugt werden, um als Zellspender einem kranken älteren Geschwister zu helfen – vorausgesetzt, sie haben das passende Erbmaterial. Eltern, die dies wollen und es sich leisten können, weichen nach Spanien oder Grossbritannien aus.

Behinderte Mädchen mit Kopfschmuck in weissen Kleidern falten die Hände.

Bildlegende: Ob mit oder ohne Reform der PID: Viele Frauen testen ihren Embryo auf Trisomie 21. Reuters

Lange umstritten waren Tests zur Feststellung von Trisomie 21. Die Mehrheit der ständerätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sagt nun ja dazu. Begründung: Das Bedürfnis nach Gewissheit der künftigen Eltern sei dem Embryonenschutz vorzuziehen. Die nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin unterstützt die Tests ebenfalls. Befürworter argumentieren, es sei absurd, im Reagenzglas gezeugte Embryonen ungetestet in die Gebärmutter einer Frau einzupflanzen, die später die üblichen vorgeburtlichen Untersuchungen durchführen lässt und die Schwangerschaft allenfalls wieder abbricht.

Die PID ist seit jeher stark umstritten. Sie erspare Eltern unnötiges Leid, sagen Befürworter. Darf auf diesem Weg entschieden werden, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht, fragen Gegner. Sie befürchten, dass mit der Zeit auch Embryonen getötet werden, bei denen kein medizinischer Grund als Rechtfertigung dient, sondern das Geschlecht, die Farbe der Augen oder der Haare des künftigen Säuglings. In Israel oder den USA sind Tests zur Geschlechtsbestimmung bereits zugelassen.

Welche Auswirkungen hat die Reform?

Heute dürfen drei Eizellen pro Zyklus bis zum Embryonenstadium gebraucht werden. In Zukunft sollen es acht sein. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Embryo gesund ist. Überzählige Embryonen sollen künftig eingefroren werden dürfen. Missglückt eine Implantation, soll auf sie zurückgegriffen werden können. Heute werden jeder Frau zwei Embryonen implantiert, um die Erfolgschancen zu steigern. Dabei steigen aber auch die Risiken, die bei einer Mehrlingsschwangerschaft auftreten.

Lächelnde Frau hält zwei Säuglinge.

Bildlegende: Louise Brown, erstes «Test Tube Baby». 2003 feierte sie ihren 25. Geburtstag in der Klinik der Ärzte, die sie zeugten. Keystone

Ausgeklammert ist bei dieser Reform die Eizellenspende. Sie bleibt verboten. Auch deswegen reisen Eltern mit Kinderwunsch beispielsweise nach Frankreich, Spanien, Belgien, Grossbritannien, die Niederlande und weitere Länder in Osteuropa.

Die Wissenschaftskommissionen des Parlaments haben sich aber bereits für die Eizellenspende ausgesprochen.

Wer entscheidet?

Zu den starken Kritikern gehören fundamentalistische katholische, aber auch protestantische Kreise. Bedenken kommen aus den Reihen von Sozialdemokraten, Grünen, der CVP oder EVP. Die Behindertenorganisationen argumentieren, dass mit der PID zwar weniger behinderte Kinder zur Welt kämen. Dafür würden sich jene Kinder noch isolierter fühlten, die trotzdem mit einer Behinderung geboren würden. Ebenso wird befürchtet, dass der Druck auf werdende Eltern steige, solche Tests durchzuführen.

Da die Reform auch mit einer Verfassungsänderung verknüpft ist, gibt es auf jeden Fall eine Volksabstimmung. Das Volk hat das letzte Wort.