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Schweiz Als die US-Amerikaner Schaffhausen bombardierten

Am 1. April läuten in der Stadt Schaffhausen die Glocken. Denn an diesem Tag vor genau 70 Jahren wurde die Grenzstadt am Rhein von der Luftwaffe der USA angegriffen. Rund 400 Bombeneinschläge hinterliessen eine verwüstete Stadt.

Es war die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Schweiz – von kriegsführenden Staaten umschlossen – versuchte ihre Neutralität und Souveränität zu wahren, ohne eine der Kriegsparteien zu brüskieren.

Legende: Video «Schweizer Filmwochenschau» vom 7. April 1944 abspielen. Laufzeit 8:31 Minuten.
Vom 27.03.2014.

Doch dann, am 1. April 1944, eineinhalb Jahre vor Kriegsende, geriet die Schweiz zwischen die Fronten.

Um 10.58 Uhr feuerte die US-Luftwaffe 371 Bomben über Schaffhausen ab. 40 Sekunden dauerte das Bombardement. Danach waren 37 Menschen tot, Hunderte verletzt, über 300 obdachlos, noch mehr brotlos und verzweifelt.

Wollte die USA die Schweiz etwa bestrafen, weil die Schaffhauser SIG Neuhausen Nazi-Deutschland mit Industriegütern beliefert hatte?

Die offizielle Erklärung lautet: Nein. Schaffhausen wurde Opfer eines Navigationsfehlers der US-Air-Force. Eigentlich hätte die Bomberstaffel von Grossbritannien aus das deutsche Ludwigshafen angreifen sollen, heisst es.

Die Piloten wussten überhaupt nicht, wo sie waren.
Autor: Matthias WipfHistoriker

Auch der Historiker Matthias Wipf ist von einem Irrtum der US-Piloten überzeugt. «Es war eine völlig verunglückte Mission», sagt der Schaffhauser in «Schweiz aktuell».

Karte
Legende: Ludwigshafen und Schaffhausen liegen 214 km Luftlinie voneinander entfernt. SRF

Schon nach dem Start über England und Frankreich hätten sich die Piloten der US-Air-Force verirrt. Die Radartechnologie sei damals neu gewesen. Und: Sie habe nicht mehr funktioniert, sagt Wipf. «Die Piloten wussten überhaupt nicht, wo sie waren.» Tragischerweise hätten dann 15 Flugzeuge Schaffhausen bombardiert, so Wipf weiter.

Eine fatale Gewohnheit

Fest steht: Während des Zweiten Weltkrieges ertönte in Schaffhausen über 500 Mal der Fliegeralarm. Meistens passierte nichts – die Bevölkerung gewöhnte sich daran.

Als der Alarm dann am 1. April 1944 gegen 11 Uhr morgens wieder einmal losging, retteten sich viele Schaffhauser nicht in die Luftschutzkeller. Stattdessen liefen sie auf die Strasse, um nachzuschauen, wo die Flieger waren. «Man hat dies schon fast als ‹Schauspiel› betrachtet», sagt Wipf dazu.

Hätten sich die Leute in Sicherheit gebracht, so hätte die Anzahl Toter um ein Drittel kleiner sein können, schätzt der Historiker.

Der damalige US-Präsident, Franklin D. Roosevelt, entschuldigte sich später bei der Bevölkerung von Schaffhausen für die irrtümliche Bombardierung. Die USA zahlten der Stadt als Wiedergutmachung 40 Millionen Franken.

Und so läuten auch in diesem Jahr wieder die Glocken in der Stadt am Hochrhein – zur Erinnerung an die Tragödie vom 1. April 1944.

29 Kommentare

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  • Kommentar von Maria Meriggioli, Prien am Chiemsee
    Wer das Agieren der Alliierten in negatives Licht stellt, hat darüber nachzu denken, wie eine Welt von AH aussehen würde. USA+UK+Gaullisten waren bereit, hohen Blutzoll zu zahlen, um den blutigen deutschen Stiefel zu stoppen. Diejenigen, welche der CH Kollaboration mit D vorwerfen, sollte sich im Klaren sein wer Täter mit 6 Mio. ermordeten war D! CH versuchte das Land so gut wie möglich über die dunkle Zeit zu bringen. Die Tochter eines in Dachau ermordeten polit. KZ Insassen.
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    1. Antwort von Urs Luxemburg, Rorschach
      @Meriggioli: Es gibt nun mal sehr dunkle Punkte in der Geschichte der Alliierten. Ich werde sie hier nicht alle aufzählen. Man kann sich im Internet sachkundig machen, wenn man denn will. Was hat sich denn in den dreissiger Jahren im einzelnen abgespielt und zwar Zug um Zug? Woher sind die riesigen Summen gekommen, die A.H. den Aufbau seiner Wehrmacht ermöglichten? Dieses Geld kam weitgehend aus den USA und England. Deutschland selbst war praktisch Pleite.
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  • Kommentar von L. Duende, Mundo
    Schaffhausen muss versehentlich getroffen worden sein, da die Schweiz nach unserer Geschichtsschreibung neutral war. Nazi-Deutschland hat die Schweiz wegen unserer wehrhaften und schwer bewaffneten Soldaten, die die Schweizergrenze dekorierten, nicht angegriffen. Es wird Zeit, dass wir die Rolle der Schweiz während des 2. Weltkriegs aufarbeiten und zur Kollaboration mit den Faschisten stehen.
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    1. Antwort von Robert Heydrich, Zürich/Berlin
      @Duende: Die Schweiz hat mit Nazi-Deutschland grosszügig sympathisiert, bei einem Überfall wäre die Schweiz innerhalb von zwei Tagen widerstandslos eingenommen worden. Wehrhafte und schwer bewaffnete Soldaten an der Grenze sind ein Ammenmärchen und entsprechen nicht der Wahrheit.
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    2. Antwort von L. Duende, Mundo
      @ Heydrich: Offensichtlich haben Sie meine Aussage nicht verstanden. In den ersten zwei Sätzen erwähne ich die wehrhafte und neutrale Schweiz, wie sie uns gelehrt wird. Wenn Sie auch den letzten Satz noch gelesen hätten, hätten Sie gemerkt, dass ich mich von dieser distanziere. Ich bin mir sicher, dass die Amis Schaffhausen bewusst bombardiert haben. Der Gütertransport (plombierte Wagen) von Deutschland nach Italien führte über Schaffhausen und musste unterbunden werden.
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    3. Antwort von Hans Haller, Kölliken
      Robert Heydrich, Zürich/Berlin - Korrekterweise müssten Sie sagen, dass die schweizerische Wirtschaft mit den NAZI's Kollaboration betrieben hat, fast so wie sie sich heute ins Bettchen der EU legen möchte und überall mitmachen wo's nur geht.
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  • Kommentar von Martin Reiser, Birsfelden
    @E. Waeden: Ja, es wird sicher noch einiges unter Verschluss gehalten aus dem 2. Weltkrieg. Dies betrifft aber in erster Linie die wenig rühmlichen Kapitel der Alliierten und zwar nicht bloss aus der Zeit während des Krieges und danach, sondern eben auch aus der Vorkriegszeit. Sperrfristen bis 2030 und darüber hinaus für die Offenlegung von sensiblen Verhörprotokollen sprechen eine deutliche Sprache. Der 2. Weltkrieg war vermeidbar.
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    1. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      @M. Reiser: Nur teilweise betrifft es das wenig rühmliche Kapitel der Alliierten, sondern eben auch das wenig rühmliche Kapitel der Schweiz & ihre Rolle vor, während & nach dem 2. Weltkrieg.
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    2. Antwort von Martin Reiser, Birsfelden
      @E. Waeden: Wer hat A.H. aus Braunau finanziert? Dieser Frage sollten Sie nachgehen. Die Selbstzerfleischung innerhalb der Schweiz brachte einiges an Tageslicht, was ziemlich unappetitlich ist, bloss das auslösende Moment für den 2. Weltkrieg lag nicht im Land der Eidgenossen.
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    3. Antwort von Susanne Lehmann, Erlach
      @E. Waeden: Es gibt daneben ein ebenfalls nicht ganz so glorreiches Kapitel in der polnischen Geschichte. zB der Umgang der polnischen Bevölkerung mit ihren Minderheiten aus der Ukraine und Deutschland in den späten 30er Jahren.
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