Als Schweizer selber Wirtschaftsflüchtlinge waren

Hunderttausende verarmter Schweizer Heimarbeiter und Bauern suchten im 19. Jahrhundert in Übersee ein besseres Leben. Die meisten waren getrieben von blanker Not, manchmal auch gezwungen von ihren Heimatgemeinden. Besonders eindrücklich ist der Fall der Aargauer Gemeinde Rothrist.

Adrian Schmitter steht neben einem Plakat, auf dem die Massenauswanderung beschrieben wird.

Bildlegende: Rothrist liess einen Wald abholzen und nahm Bankkredite auf, um die armen Mitbürger zu verschiffen. SRF

Im Februar 1855 schickte die Gemeinde Rothrist 305 der ärmsten Bürgerinnen und Bürger nach Amerika. Das waren 13 Prozent der damaligen Bevölkerung. An die Schicksale erinnert eine Gedenkplakette am Rösslibrunnen. «Bär, David; Bär, Jakob; Graber, Elisabeth; Hofer, Jakob; Klöti, Elisabeth; Rüegger, Barbara; Rüegger Johann...», liest SVP-Gemeinderat Adrian Schmitter vor.

«Über die Hälfte waren Zwangsausweisungen. Sie bekamen von der Gemeinde viel Geld, damit sie auswanderten, und ein Kopfgeld, damit sie im Ankunftsland aufgenommen wurden», erklärt Schmitter. Not litten damals alle, einige gar Hunger.

Hungerleider nach Amerika exportieren

Die im Aargau dominierende Textil-Protoindustrie war seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts immer tiefer in die Krise gerutscht, dazu kamen mehrere Missernten hintereinander und dann auch noch die katastrophale Kartoffelkrankheit. Vielen blieb nur die bittere Wahl zwischen Elend zu Hause oder Neuanfang in der Fremde. In Rothrist wählte jede und jeder Achte die Auswanderung.

«Das waren zu 100 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge», sagt der Gemeinderat. Das Geld für deren Ausreise beschaffte sich die Gemeinde unter anderem, indem sie den Winterhaldenwald abholzte. Das Holz wurde verkauft. Ausserdem nahm die Gemeinde Bankkredite auf und der reiche Dorfbäcker gewährte ein Darlehen – alles, um die Armenkasse zu entlasten und die Hungerleider nach Amerika zu exportieren.

«  Das waren zu 100 Prozent Wirtschaftsflüchtlinge. »

Adrian Schmitter
SVP-Gemeinderat

Drei Gemeindevertreter begleiteten damals die ärmsten Rothrister bis in die nordfranzösische Hafenstadt Le Havre und schauten, dass sie auch wirklich das Schiff nach Amerika bestiegen – dann waren die Hofers und Woodtlys, die Rüeggers und Schmitters auf sich alleine gestellt.

Reise-Agenturen organisierten Massenauswanderung

Rothrist sei ein krasser, aber kein Einzelfall, sagt der Historiker Dominic Sauerländer, der sich intensiv mit der Schweizer Auswanderungsgeschichte befasst hat. Schweizweit wanderten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 330'000 Menschen nach Amerika aus. Je nach Gegend waren das 15, 20 oder noch mehr Prozent der damaligen Bevölkerung.

«Die USA waren das Land der Hoffnung, so wie es heute Deutschland ist. Man hat erfahren, dass es in den USA Arbeit, Land und Möglichkeiten gibt. Die Leute sagten sich: Da wollen wir hin», erzählt Sauerländer. Hoch spezialisierte Reise-Agenturen organisierten die Massenauswanderungen – eine Art legaler Schlepperdienst.

Erst um die Jahrhundertwende verbesserte sich die Lage für die meisten Menschen in Mitteleuropa. Die zweite Phase der Industrialisierung generierte auch Stellen in der Schweiz. Allmählich wurde die Schweiz vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland.