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Schule auf dem Prüfstand Alternative Bildungswege werden immer beliebter

700 bis 1000 Kinder in der Schweiz besuchen keine Schule, sondern werden von den eigenen Eltern unterrichtet. Das sind nicht viele Homeschooler, aber es werden immer mehr.

Legende: Video Weshalb freilernen? abspielen. Laufzeit 0:54 Minuten.
Vom 25.05.2017.

Der Anteil der Homeschooler gemessen an der Zahl aller Schulkinder beträgt zwar nicht einmal 0,1 Prozent. Dennoch ist die Zunahme bemerkenswert: Im Kanton Bern etwa ist die Zahl der zu Hause unterrichteten Kinder von 166 im Jahr 2012 auf 402 im laufenden Schuljahr gestiegen. In der Waadt hat sich deren Anteil seit 2009 vervierfacht: Aktuell werden dort 350 Schüler von ihren Eltern unterrichtet.

Grosse Unterschiede in der Bewilligungspraxis

Der Kanton Bern pflegt einen liberalen Umgang mit den Homeschoolern – dort beträgt deren Anteil knappe 0,4 Prozent. Eltern erhalten die Bewilligung für den privaten Unterricht, wenn sie sich von einer pädagogisch ausgebildeten Person anleiten lassen und im Rahmen jährlicher Kontrollbesuche durch die Schulinspektoren belegen können, dass die Lehrplaninhalte eingehalten werden.

Die Kantone Aargau, Appenzell Ausserrhoden, Bern, Neuenburg und die Waadt stehen dem Homeschooling ähnlich offen gegenüber. Im Kanton Zürich ist privater Unterricht erlaubt, wenn er nicht länger als ein Jahr dauert. Über diesen Zeitraum hinaus muss er von einer Person mit abgeschlossener Lehrerausbildung erteilt werden. Restriktiv gehen die Kantone St. Gallen, Basel-Stadt, Thurgau und Tessin mit Homeschoolern um – dort ist Heimunterricht nur in Ausnahmefällen erlaubt.

Legende: Video André Stern ist Freilernexperte abspielen. Laufzeit 1:07 Minuten.
Vom 25.05.2017.

Individualisierter Unterricht

Die Gründe, weshalb sich Eltern für den Unterricht zuhause entscheiden, sind vielfältig: In Einzelfällen sind es die Eltern von Hochbegabten oder von Kindern mit einer Behinderung, die sich fürs Homeschooling entscheiden. Zum Wunsch nach einem unabhängig gestaltbaren Familienleben gesellt sich bei Homeschoolern meist die Überzeugung, dass die Volksschule den individuellen Ansprüchen des einzelnen Kindes nicht gerecht werden kann.

Im Homeschooling kann speziellen Begabungen, unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten und –methoden Rechnung getragen werden. Viele junge Familien, die ihre Kinder gar nicht erst einschulen, sind überdies von den Vorzügen des «freien Lernens» überzeugt: Dabei soll die natürliche Lernbegier des Kindes nicht durch schulische Strukturen behindert werden.

Doch auch diese Eltern müssen sich an die kantonalen Lehrpläne halten: Unschooling und freies Lernen sind in der Schweiz verboten. Neben Eltern, die ihre Kinder aus religiösen Überzeugungen heraus zu Hause unterrichten, leben auch zahlreiche Expats ihre jeweiligen Homeschooling-Modelle.

Kritikpunkte: Isolation und mangelnde Sozialisation

Homeschooler stehen in der Kritik, ihre Kinder zu isolieren. Mit Aktivitäten in Vereinen und Jugendgruppen oder der Nutzung des Schulsportangebotes der Gemeinden wirken Homeschooler dem entgegen.

Ausserdem sind Homeschooler überzeugt davon, dass der tägliche Kontakt mit Gleichaltrigen keine Garantie für eine erfolgreiche Sozialisation sei. Sozialkompetenz werde nicht ausschliesslich im Zusammensein mit Gleichaltrigen, sondern im Umgang mit Menschen aller Altersstufen erworben.

Die Vereinigung der Homeschooler in der Schweiz, der «Verein Bildung zu Hause», doppelt nach: «Nicht wenige Eltern machen die Erfahrung, dass die zu Hause geleistete Erziehungsarbeit nachhaltig untergraben wird durch die Negativ-Sozialisation, welche in den Peergroups und in der Schule stattfindet: Disziplinlosigkeit und Schlendrian, die in manchen Klassenzimmern ihr Unwesen treiben, Mobbing, sinkendes Leistungsniveau, Gewalt und Drogen veranlassen Eltern mangels Alternativen, das Heft kurzerhand selber in die Hand zu nehmen.»

«DOK» am Donnerstag

Homeschooling – Der andere Weg der Bildung, 25. Mai 2017, 20.05 Uhr, SRF 1

14 Kommentare

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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Wenn man in Betracht zieht, dass wir nahezu eine Million funktionale Analphabeten in der CH besitzen -die aus Mangel der Wiederholung des Schreibens und Lesens die Schullerninhalte schlicht vergessen haben - scheint es doch nicht so gut bestellt zu sein um das überladende Schulfachprogramm. Lesen , schreiben, rechnen und werken, müssten ausreichend in 4 Jahren in die Köpfe der Schüler zu bringen sein. Anschliessend kann die nach Talent und Freude ausgelegte Weiterbildung erfolgreicher beginnen.
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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    Denkt nach! Das sind die Folgen der überbordenden Globalisierung. Expats bezahlen jedoch viel Steuern und kehren nach wenigen Jahren in ihre Heimat zurück. Warum wollen Linke und Wirtschaftsturbos unsere Türen immer noch so weit offen halten? Timmermanns, der Vize der EU-Kommission, sagte, dass die Völkerdurchmischung Ziel sei. Die nachteiligen Folgen darf das Volk tragen.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Isolation... das war mein erster Gedanke, aber wenn ich bedenke wie die Schulen heute gemischt sind.. mit Multikulti... und damit tieferes Niveau..und Mobbing ... wie Lehrer keine Autoritaet mehr haben.. da habe ich doch etwas Verstaendnis.. Ich selbst schicke die 10 Jaehrige Stiftochter in eine Privatschule, weil im Normalunterricht einfach zu Wenig geboten wird....wegen dem internen Leistungsgefaelle.
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