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Anstieg von über 5 Prozent Immer mehr Städter benötigen Sozialhilfe

Legende: Video Über 260'000 Menschen in der Schweiz beziehen Sozialhilfe abspielen. Laufzeit 1:46 Minuten.
Aus Tagesschau vom 07.11.2017.
  • In den Schweizer Städten ist die Zahl der Sozialhilfefälle im letzten Jahr mit 5,2 Prozent überdurchschnittlich angestiegen.
  • Dies zeigt ein Bericht der Berner Fachhochschule und der Städteinitiative Sozialpolitik.
  • Familienhaushalte haben in allen 14 untersuchten Städten das höhere Sozialhilferisiko als kinderlose Haushalte.
  • Besonders betroffen sind Einzelpersonen, Alleinerziehende und Kinder.

Junge alleinerziehende Mütter, die in Schweizer Städten leben, sind in 80 Prozent der Fälle auf Sozialhilfe angewiesen. Dies zeigt ein Bericht der Städteinitiative Sozialpolitik. Gefährdet sind auch geschiedene und verwitwete Menschen, die alleine leben.

Die Zahl der Sozialhilfefälle sei im letzten Jahr in praktisch allen 14 untersuchten Städten gestiegen, erklärte Nicolas Galladé, Präsident der Städteinitiative Sozialhilfe und Winterthurer Stadtrat, vor den Medien in Bern. Eine deutliche Zunahme verzeichneten besonders mittelgrosse Städte und Agglomerationen.

Schweizer Sozialhilfeempfänger noch immer in der Mehrheit

Grund für den überdurchschnittlichen Anstieg von 5,2 Prozent sind neben der wachsenden Bevölkerung auch die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Zahl der Ausgesteuerten. Besonders für gering qualifizierte Menschen sei es schwierig, eine existenzsichernde Anstellung zu finden, erklärte Studienautorin Michelle Beyeler von der Berner Fachhochschule.

Dabei werden zunehmend Personen aus aussereuropäischen Ländern unterstützt. Zwar lässt sich laut Beyeler nicht zweifelsfrei feststellen, ob diese aus dem Asylbereich kommen. Es gebe aber Hinweise darauf, dass es sich um anerkannte Flüchtlinge und Aufgenommene handle. «Besonders kleine Städte spüren das.»

Allerdings bilden die Schweizer in den meisten der untersuchten Städte weiterhin die Mehrheit der Sozialhilfebezüger. Die Ausnahme sind hier Basel, Biel, Lausanne, Schlieren (ZH) und Schaffhausen, wo der Anteil ausländischer Personen bei über 50 Prozent liegt.

Quote steigt in mittelgrossen Städten

In den Städten sehr hoch ist das Sozialhilferisiko für junge, alleinerziehende Frauen. Dies gelte auch für Städte, in denen die Sozialhilfequote ansonsten tief sei, sagte der Luzerner Stadtrat Martin Merki. Vier von fünf Müttern unter 25 Jahren lebten von Sozialhilfe. Mit steigendem Alter nehme das Risiko ab. Kinder zu haben, sei generell ein Armutsrisiko, hält der Bericht fest.

Dies gilt auch für geschiedene, getrenntlebende oder verwitwete Menschen, die alleine leben. Am höchsten ist das Sozialhilferisiko für alleinlebende geschiedene Männer: Rund 20 Prozent dieser Haushalte beziehen Sozialhilfe.

In den grossen Städten bleibt die Sozialhilfequote relativ stabil, wie es im Bericht heisst. Sorgenkinder der Städteinitiative Sozialhilfe bleiben die mittelgrossen Städte. Dort stieg die Quote im letzten Jahr fast überall zwischen 0,1 bis 0,3 Prozent weiter an, nachdem Städte wie Chur, Luzern, Schlieren und Winterthur bereits in den letzten Jahren eine Zunahme verzeichneten.

Die höchste Quote der 14 Städte weist weiterhin Biel mit 11,8 Prozent (Vorjahr 11,6) auf, gefolgt von Lausanne und Basel. Am tiefsten ist die Sozialhilfequote in Uster ZH (1,6 Prozent) und in Zug (1,7 Prozent.)

Möglichst rasch in Bildung investieren

Die Situation wird dadurch erschwert, dass die durchschnittliche Bezugsdauer der Sozialhilfe in den untersuchten Städten 42 Monate beträgt. Je länger aber jemand Sozialhilfe bezieht, desto schwieriger wird es, aus diesem System wieder herauszufinden.

Entscheidend sei eine frühe Intervention, sagte Galladé. Dies würden auch die Zahlen zeigen. In rund einem Viertel der Fälle werde die Sozialhilfe weniger als ein Jahr bezogen. Aus Sicht der Städteinitiative Sozialhilfe lohnt es sich deshalb, Neubezüger intensiv zu beraten und in die Bildung und Weiterbildung zu investieren.

Pionierarbeit leistet in dieser Hinsicht die Stadt Lausanne, die ihre Sozialhilfequote seit 2012 kontinuierlich senken konnte. Als erfolgreich hätten sich etwa Ergänzungsleistungen für Familien, Überbrückungsrenten und Bildungsmassnahmen für junge Erwachsene ohne Ausbildung erwiesen, sagte der Lausanner Stadtrat Oscar Tosato.

Grafik Sozialhilfe

61 Kommentare

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  • Kommentar von Marianne Känzig (Marianne Känzig)
    Es ist unerheblich, wo sich die Bezügerinnen und Bezüger aufhalten. Viel wichtiger wäre, weshalb es zu einem Sozialhilfebezug kommen muss. Working poor, ALV zu gering, ausgesteuert, IV-Ablehnungen etc. Darüber sollte man einmal eine Aussage machen. Und es wäre durchaus gut, SRF würde den Link zu dieser Statistik publizieren. Die Leute gehen da hin, wo sie eine günstige Wohnung und eine gute Betreuung finden. Das ist eigentlich sehr einfach zu verstehen.
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  • Kommentar von Tim Denkt (Tim Denkt)
    Weile die meissten in der Stadt zur Miete wohnen. Die hälfte vom Sozialgeld geht für Miete drauf, welches Geld dan in Steueroasen verschwindet.
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  • Kommentar von Tim Denkt (Tim Denkt)
    Digitalisierung wird noch mehr Arbeitsplätze kosten. Wir müssen umdenken. Nachbarschaftshilfe, Ehrenarbeit und das Sharing-prinzip müssen gefördert werden. Wenn Alle nur noch 60% arbeiten, dann hat es auch in Zukunft genügend Arbeitsplätze und Eltern haben dan mehr Zeit für die Familie, das spart auf lange Zeit auch Kosten.
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Ein toller Ansatz! Aber grad gestern in den Nachrichten zu hören, fordert der Herr Bigler? eine 50 Stunden/Woche. Auch wenn wir hier in der Schweiz mit der 42 Stunden/Woche schon mehr Stunden/Woche arbeiten, als AN in den Länder der EU
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