«Antisemitismus hat eine neue Dimension erreicht»

Der Krieg in Nahost bewegt die Menschen weltweit. In den vergangenen Tagen sind Tausende auf die Strasse gegangen, um gegen Israel zu demonstrieren. Die verbalen Attacken werden immer gravierender – auch in der Schweiz.

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Hasstiraden gegen Israel erreichen neue Dimension

1:54 min, aus Tagesschau vom 23.7.2014

Die israelische Bodenoffensive und der ständige Raketenabschuss der Hamas erhitzt weltweit die Gemüter. Der Ton gegen Israels Eingreifen wird immer aggressiver – und judenfeindlicher.

Hierzulande klagen jüdische Organisationen über Antisemitismus, wie man ihn schon lange nicht mehr erlebt habe. Die Gehässigkeiten und Beschimpfungen in Briefen und E-Mails seien gravierend. Besonders aber die Kommentare im Internet. Die teils hemmungslosen Tiraden gehen in vieler Hinsicht viel zu weit.

Gravierendste Hasstiraden

Dies illustriert auch Herbert Winter, Präsident des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebundes. Der «Tagesschau» hat er einige besonders stossende Kommentare präsentiert. So war heute an verschiedenen Stellen zu lesen: «Wir müssen die Juden ausrotten», «Vergasst diese Hunde».

Früher seien die Zuschriften noch von Herrn Müller oder Meier gekommen, mittlerweile stammten die Botschaften von Namen aus Albanien, Kosovo und der Türkei. Winter: «Antisemitische Mails bekommen wir jedes Mal, wenn in Nahost Gewalt ausbricht. Doch dieses Mal hat es eine ganz andere Dimension erreicht.»

Antisemitismus ist strafbar

Davon überzeugt ist auch Martine Brunschwig Graf, die Präsidentin der Kommission gegen Rassismus. So gravierend wie jetzt seien die verbalen Entgleisungen schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen. Es sei an den Behörden, jetzt etwas zu unternehmen, fordert sie. «Antisemitismus und Rassismus ist nicht nur eine Meinungsäusserung. Es ist strafbar – nicht nur in der Schweiz.»

Demonstrationen in Zürich und Lausanne

Ungewöhnlich viele Menschen sind in den letzten Tagen für die Palästinenser auf die Strasse gegangen – auch in der Schweiz. Demonstrieren ist das eine, Hetzparolen verbreiten das andere. Sowohl in Zürich am vergangenen Freitag als auch in Lausanne am Dienstag wurden mit antisemitischen Parolen Grenzen überschritten.

Johanne Gurfinkiel, Generalsekretär der jüdischen Organisation Cicad in Genf, stellt seit längerem fest, dass die Hemmschwelle für Antisemitismus in der Schweiz gesunken ist. «Der Konflikt in Israel wurde zum Konflikt mit den Juden. Das bekommt die israelitische Gemeinschaft in der Schweiz zu spüren.»

Deutsche Regierung greift ein

Während hierzulande noch keine Gewaltakte gegen Juden registriert wurden, gab es im benachbarten Ausland bereits tätliche Übergriffe.

In Deutschland haben sich Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert. Gauck verlangt mehr Zivilcourage von den Deutschen. «Ich möchte alle Deutschen und alle Menschen, die hier leben, auffordern, immer dann ihre Stimme zu erheben, wenn es einen neuen Antisemitismus gibt, der sich auf den Strassen brüstet», sagte er in Berlin.

Merkel verurteilte die antisemitischen Slogans. Das sei ein «Angriff auf Freiheit und Toleranz» und ein «Versuch, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu erschüttern», sagte Merkel. «Dies können und wollen wir nicht hinnehmen.»

Auch in Frankreich warnte Innenminister Bernard Cazeneuve die Bürger vor der bewilligten Demonstration, verbale Ausfälle würden nicht toleriert. «Wer Sätze wie ‹Tod den Juden› ruft, wird festgenommen», sagte Cazeneuve.

Antisemitismus beim Fussball

Nach anti-israelischen Protesten und einem Platzsturm wurde am Mittwoch ein Testspiel zwischen dem israelischen Klub Maccabi Haifa und OSC Lille im österreichischen Bischofshofen abgebrochen. Kurz vor Schluss stürmten Zuschauer mit Fahnen Palästinas den Rasen. Zwei israelische Spieler wurden tätlich angegriffen (Youtube-Video).