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Schweiz «Armut verschwindet nicht von selbst»

«Langfristig ist die Armut im Vormarsch», ist der Armutsforscher Peter Streckeisen überzeugt. Das sei das Paradox unserer kapitalistischen Gesellschaft. Im Interview mit der «Tagesschau» erklärt der Soziologe warum.

Legende: Video Peter Streckeisen im Tagesschau-Interview abspielen. Laufzeit 03:35 Minuten.
Aus News-Clip vom 15.07.2014.

SRF: Die Armut in der Schweiz stagniert. Wie erklären Sie sich diese Zahlen?

Peter Streckeisen: Das ist nicht überraschend – Armut verschwindet nicht von selbst. Sie ist ein Phänomen, das man über längere Zeiträume anschauen muss.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung langfristig?

Wenn wir zurückschauen, sehen wir, dass in den 90er-Jahren eine Veränderung stattgefunden hat. Früher war die Armut etwas, das eigentlich nur noch am Rande der Gesellschaft zu existieren schien. Man dachte, sie würde verschwinden.

Und jetzt hat sie wieder zugenommen. Wir haben eine Zunahme der Armut, der Erwerbslosigkeit, mehr Leute, die IV-Leistungen beziehen müssen. Und wir haben auch mehr Leute, die arm sind, obwohl sie arbeiten.

Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

Die Entwicklung der Armut vom Rand ins Zentrum der Gesellschaft hat mehrere Ursachen. Zum einen eine Wirtschaftsdynamik, die erlahmt ist. Dann haben wir internationale Entwicklungen, einen härteren Wettbewerb. Wir haben auch eine Krise des Sozialstaates, einen Leistungsabbau im Sozialbereich.

Inwiefern geht dies mit internationalen Entwicklungen einher?

Auf der einen Seite sehen wir ähnliche Entwicklungen in Nachbarländern, wie zum Beispiel die Zunahme von Arbeitslosigkeit und Armut. Auf der anderen Seite sind internationale Phänomene wie beispielsweise die Globalisierung ein Faktor, der Konkurrenz schürt und Armutsphänomene hervorbringt.

Auch der Umgang mit Armut hat sich verändert. Würden Sie das auch so sehen?

Es ist ganz klar – bei der Sozialhilfe hat man begonnen, die Leute systematisch unter Druck zu setzen, damit sie sich weiterbilden. Aber oft bringt das nicht viel. Die Reintegrationschancen sind klein, die Leute geraten unter Druck und fühlen sich unter Umständen schikaniert durch die Sozialämter.

In den Sorgenbarometern ist die Armut ein grosser Faktor – warum?

Das hat eine reale Grundlage. Die Armutsphänomene haben sich weiter ausgebreitet. Es ist auch eine Zunahme der sozialen Unsicherheit feststellbar. Die Zukunftsaussichten sind prekärer geworden, unsicherer. Mehr und mehr Menschen haben Angst, von Armut betroffen zu sein, das ist nicht nur ein Hirngespinst, sondern hat eine reale Grundlage.

Trotzdem hat man das Gefühl, dass wir heute reicher und wohlhabender sind als vor 50 Jahren.

Das ist das Paradox der kapitalistischen Gesellschaft. Es ist zwar mehr da, aber Armut ist etwas Relatives. Sie sagt etwas aus über die relative Stellung des Menschen in der Gesellschaft.

Heute hat man vielleicht ein Auto oder einen Fernseher und kann trotzdem in Armut geraten. Später wird man vielleicht dazu gezwungen, das Auto verkaufen zu müssen.

Schauen wir in die Zukunft. Wie schätzen sie die Entwicklung der Armutszahlen ein?

Ich sehe keinen Ansatz für eine grundsätzliche Veränderung. Man könnte versuchen, politisch die Gewichte anders zu setzen, Reichtum besser verteilen oder die Bedeutung von Arbeit relativieren – zum Beispiel mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Aber solange man an der Wirtschaftspolitik nichts Grundsätzliches ändert, wird sich grundsätzlich nichts verändern.

Das Interview führte Michael Keller.

Zur Person

Peter Streckeisen wurde 1975 in Chur geboren und absolvierte im Kanton Thurgau die Volksschule und das Gymnasium. Nach dem Studium der Soziologie und Politikwissenschaften in Lausanne und Zürich promovierte er 2007 an der Uni Basel. Seit 2013 arbeitet Peter Streckeisen am Lehrstuhl für Soziale Ungerechtigkeit, Konflikt- und Kooperationsforschung.

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25 Kommentare

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  • Kommentar von Albert Planta, Chur
    Ich schreibe den ständig sich vergrössernden Spagat zwischen arm und Reich der Globalisierung und Liberalisierung zu. Auf das immer wieder von Neoliberalen eingebrachte Argument der aufgeblähte Staat sei schuld entegne ich mit den Worten von Leon Schlumpf: ohne funktionierende Infrastruktur ist kein Wachstum und Wohlstand möglich.
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  • Kommentar von Hermann Dettwiler, Langenthal
    FAZ heute: "Das Vermögen ist laut einer neuen Studie noch ungleicher verteilt, als bisher angenommen. Frühere Analysen ließen die Superreichen außer Acht, schreiben die Autoren. In Deutschland besäßen die reichsten 5 Prozent sogar über die Hälfte des Vermögen". Solange der Finanzindustrie die Geldvermehrung als Geschäftsmodell dient, geht das weiter so bis zum Kollaps. - und was machen da die Armen falsch?
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  • Kommentar von M. Fischer, Buchs
    "Die Reintegrationschancen sind klein, die Leute geraten unter Druck und fühlen sich unter Umständen schikaniert durch die Sozialämter." Nicht nur da. Mit einer IV-Rente wird es noch schwerer. Seit der letzten IV-Revision jetzt auch für den willigen Arbeitgeber. "Man könnte versuchen, politisch die Gewichte anders zu setzen" Sehe ich auch so. Aktuell haben Rentenbezüger selbst unter den besten Voraussetzungen, und dem entgegenkommen des Arbeitgebers, kaum Chancen Arbeit zu finden.
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