Armut: Wenn schon eine Woche Ferien zu teuer ist

Die Schweiz hat einen der höchsten Lebensstandards in ganz Europa. Und doch haben weiterhin viele Mühe, finanziell über die Runden zu kommen. Ein Beispiel: Fast jeder Zehnte kann sich nicht einmal eine Woche Ferien weg von zu Hause leisten.

Strand mit Badenden in Südfrankreich

Bildlegende: Für jeden Zehnten in der Schweiz bleibt laut Bundesamt für Statistik eine Woche Ferien in Südfrankreich ein Traum. Keystone

Kurzferien auf dem Campingplatz, oder gar in einem Mittelklassehotel? Für viele alleinerziehende Eltern bleibt das immer noch ein Traum, schreibt das Bundesamt für Statistik in einer neuen Studie. Kurzferien kommen genauso wenig für viele über 65-jährige Rentner in Frage. Und das gilt auch für manche Familien mit drei Kindern und mehr.

Ungleiche Verteilung

Für den Soziologen Ueli Mäder von der Universität Basel ist das ein unhaltbarer Zustand. Mäder forscht seit Jahren zum Thema Armut. Er sieht das Grundübel in der ungleichen Verteilung: «Wir leben doch in einer Gesellschaft, die reicher und reicher wird. Daher müsste es doch eigentlich möglich sein, die Verteilung so zu handhaben, dass es allen einigermassen gut geht.»

Dass es allen in der Schweiz einigermassen gut geht, und dass zum Beispiel eine Woche weg von zu Hause drin liegt. Dazu müssten die unteren Einkommen angehoben werden, erklärt Ueli Mäder. «Und man müsste die Mittel für die soziale Sicherung etwas grosszügiger ausweiten».

Lösung: Mindestlöhne?

Mehr Sozialstaat und höhere Löhne bei den unteren Einkommen? Dieses Rezept geht zu weit, meint Patrik Schellenbauer von der wirtschaftsnahen Denkfabrik «Avenir Suisse»: «Der Sozialstaat in der Schweiz wurde in den letzten 20 Jahren schon ziemlich massiv ausgebaut. 99 Prozent der ökonomischen Studien zeigen, dass Mindestlöhne die Ungleichheit am unteren Ende der Einkommensverteilung erhöhen und nicht senken, wie man das eigentlich will.»

Wie man das Problem anpacken und lösen könnte, das bleibt in Politik und Wirtschaft weiterhin umstritten. Fakt ist aber: Die Schweiz hat europaweit eines der höchsten Lebensstandards. Und doch kann sich heute jeder Zehnte nicht einmal eine Woche Ferien – weg von zu Hause – leisten.