Auf Mission

Weiss gekleidet und mit Bart: Die salafistische Lehre folgt einer radikalen Auslegung des Islams, die sich auch im Aussehen widerspiegelt. Europäische Sicherheitsdienste halten Salafisten für ein Sicherheitsrisiko.

Ein Salafist hält ein Exemplar des Korans.

Bildlegende: Regelmässig verteilen Salafisten in Fussgängerzonen den Koran. Ihre Ideologie sei gefährlich, warnen Experten. Keystone

Woche für Woche stehen sie da. Am liebsten in Fussgängerzonen. In Stuttgart und Karlsruhe ebenso wie in Basel und Zürich: Junge Männer, weisse Jacken, die Hosen viel zu kurz. Freundlich lächelnd. Einigen kräuselt sich gerade einmal der Flaum ums Kinn. Bei anderen reicht der Bart bis zur Brust: «Kennen Sie den heiligen Koran?»

Unterwegs in Fussgängerzonen

«Lies!» heisst das Projekt, die der aus dem Gazastreifen stammende deutsche Prediger Ibrahim Abou-Nagie vor fast drei Jahren begonnen hat. Das Ziel: 25 Millionen Exemplare des Korans, der Heiligen Schrift der Muslime, sollen kostenfrei an deutsche Haushalte verteilt werden. Inzwischen werden die heiligen Bücher, in die jeweiligen Landessprachen übersetzt, in halb Europa verschenkt – seit rund zwei Jahren auch in die Schweiz.

Wer das millionenteure Projekt finanziert, ist unklar. Denn Abou-Nagie lebte bis 2012 offiziell von staatlicher Sozialhilfe. Die Kölner Staatsanwaltschaft klagte den Salafi-Prediger wegen Betruges und Veruntreuung an, das Verfahren soll in den kommenden Wochen beginnen.

Es ist nicht das einzige Unbehagen, dass der Prediger mit dem akkurat gestutzten grauen Bart den Sicherheitsbehörden bereitet. Der Innenminister des deutschen Bundeslandes Hessen klagt 2013 erstmalig, dass hessische Dschihad-Reisende zuvor für «Lies!» den Koran verschenkt hätten. Ziel des Projektes sei es, sind Verfassungsschützer des Bundesamtes überzeugt, «potenziell neue Anhänger» für den Salafismus zu gewinnen. Kontakte, die «im weiteren Verlauf zur Indoktrinierung und weiteren Radikalisierung der Betroffenen führen».

Lehre aus dem 7. Jahrhundert

Der Begriff des «Salafismus» steht für eine Ideologie, nach der sich Muslime in Glaubens- und Lebensfragen ausschliesslich an die Prinzipien des Korans, des Propheten Mohammed und den ersten Muslimen der islamischen Frühzeit – den sogenannten «rechtschaffenen Altvorderen», den «al-salaf al-salih» – auszurichten haben. Salafis sind überzeugt, den Islam von Neuerungen reinigen zu müssen, die nach dem Tod Mohammeds im Jahre 632 und der ersten drei ihm folgenden Generationen eintraten.

Ziel der Salafis, sagt der Islamwissenschaftler Aaron Y. Zelin, «ist es, Staaten, Gesellschaften und Werteordnungen so nach einem salafistischen Regelwerk umzugestalten, dass eine in ihren Augen gottgewollte Ordnung entsteht». Eine Welt, in der eine von Gott gesetzte Ordnung, die Scharia, als einzig gültiger Massstab herrscht. Eine Weltordnung, die von Menschen nicht in Frage gestellt oder diskutiert werden kann. Unverletztlich, unaufhebbar und undiskutierbar. Salafis, sagt Zelin, «bekämpfen die in einer Demokratie garantierten Grundrechte und Werte, weil sie vom Menschen und nicht von Gott kommen».

Politik vs. Dschihadismus

Wissenschaftler unterteilen das Phänomen des Salafismus in einen politischen und in einen dschihadistischen Bereich. Politische Salafis konzentrieren sich darauf, intensiv ihre missionarische Aktivität – die sogenannte da’wa, den «Ruf zum Islam» – zu verbreiten. So wollen sie gesellschaftlichen wie politischen Einfluss gewinnen, um die Welt nach ihren «göttlichen» Vorstellung zu verändern. Viele Anhänger des «politischen Salafismus» lehnen Gewalt, den Dschihad, ab, um ihre Ziele zu erreichen. Aber, warnt Islamexperte Zelin, «die Übergänge zwischen beiden Kategorien sind nicht nur fliessend. Die eine ist oft der Durchlauferhitzer, in dem sich Menschen radikalisieren und dann dem Dschihad anschliessen».

Denn Anhänger beider Strömungen berufen sich auf dieselben Gelehrten, Vordenker und islamische Autoritäten. Ihre Ziele, den Umbau aller Gesellschaftsordnungen und politischen Systeme in einen «Gottesstaat», sind dieselben. Oft finanzieren und unterstützen sich beide Gruppierungen. Sie nutzen dieselben Netzwerke und Begriffe.

Auch dafür, wer ein wirklicher Muslim sei. Für einen Star der Bewegung, den Kölner Vorbeter Pierre Vogel, ist ein wahrer Gläubiger einer, der «nach einer vollständigen Neugestaltung seines Lebens gemäss den offenbarten Anweisungen Gottes strebt und für die Gründung einer Gesellschaftsordnung arbeitet, in der die Rechtleitung Gottes verwirklicht wird».

Ein im Südwesten Deutschlands beliebter Vordenker der Salafi-Lehre, Abdul Rahman Bin Hammad al-Omar, Professor für islamische Theologie an der König-Fahd-Universität im saudi-arabischen Riad, lehrt: «Wer glaubt, dass ein von Menschen gemachtes Gesetz besser ist als die Gesetze des Islam oder dass ein System besser ist als das, was Mohammed offenbart wurde, ist ein Ungläubiger.»

Wie mit denen umzugehen ist, gibt ein anderer saudischer Vordenker vor, der an verschieden Lehreinrichtungen in Riad unterrichtet: Abdul-Rahman al-Sheha versorgt seine weltweit wachsende Gemeinde auch übers Internet mit seinen Botschaften. In denen er die Todesstrafe für alle jene fordert, die «dem Islam als Lebensweise den Rücken kehren und seine Gesetze und Regeln ablehnen».

«Auf Deutsch heisst es Bundeswehr, bei uns Dschihad»

Im August 2013 schwärmten überall in Deutschland Polizisten aus, um nach einem Beschluss der Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Schriften des 56-jährigen Predigers einzusammeln. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hatte die Werke al-Shehas zuvor als «jugendgefährdend sowie verrohend» eingeschätzt und indiziert.

Für Islamforscher Zelin eines der wenigen Beispiele, «wo gegen die Lehren einer salafistischen Autorität erfolgreich vorgegangen wurde». Denn die Vorbeter wissen sehr wohl, wo die Grenzen sind, die ihnen weltliche Strafgesetze setzen. Gerade wenn es darum geht, zum Dschihad, zum «Heiligen Krieg» aufzurufen.

Der Bonner Salafi-Prediger Ibrahim Mohammed Belkaid glaubt fest daran, dass die deutsche Bundeswehr nach deren Einsatz in Afghanistan und Dschihad miteinander zu vergleichen sind: «Die haben die Bundeswehr. Auf Deutsch heisst es Bundeswehr, bei uns heisst es Dschihad. Der Unterschied ist was? Die einen kämpfen für Ungerechtigkeit, und die einen für die Gerechtigkeit. Die einen kämpfen für den Satan, töten Frauen und Kinder und dann sagen sie, wir haben uns bei der afghanischen Regierung entschuldigt.» Der saudische Salafi al-Sheha weiss: «Allah machte den Dschihad, den Kampf für Seine Sache, zu einer belohnten Handlung, an welche die Muslime glauben und welche sie praktizieren. (...) Dem Kampf einzig und allein für die Sache Allahs muss sich der ernsthafte gläubige Muslim in diesem Leben hingeben.»

Davon aber berichten die Männer nichts, die in den Fussgängerzonen in Stuttgart, Karlsruhe, Basel und Zürich ihre Schrift mit den verschnörkelten goldenen Schriftzeichen auf dem Buchdeckel verschenken. Jungs in weissen Jacken und T-Shirts, Hochwasserhosen, Flaum am Kinn. Lächelnd: «Kennen Sie den Heiligen Koran?»

(«Rundschau», 04.03., 20.55 Uhr)

«Street da’wa»

«Street da’wa» steht für die missionarische Aktivität zur Bewerbung des Islams auf der Strasse. Auch das Projekt «Lies! – Die wahre Religion» ist in deutschen und Schweizer Fussgängerzonen aktiv und verteilt dort kostenfrei Korane.

Die Kooperation

Journalisten der deutschen Tageszeitung «Stuttgarter Nachrichten» und des SRF rechercherien, wie die salafistische und dschihadistische Szene in Baden-Württemberg und der Schweiz zusammenwächst. Sie haben Moscheen besucht, mit Rückkehrern aus dem Mittleren Osten gesprochen und sind radikalisierten Muslimen in die Kriegsgebiete in Syrien gefolgt.