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Aus Angst nicht zur Schule Schulschwänzen ist auch bei den Kleinen ein Problem

Legende: Audio Abwesenheiten in der Schule deuten oft auf Ängste hin. abspielen.
4:51 min, aus Rendez-vous vom 22.01.2018.

Die klassischen Schulschwänzer sind Gymnasiasten, glaubt man zu wissen. Doch nicht sie bereiten den Lehrerinnen und Lehrern Kopfzerbrechen, sondern die Kleinsten, sagt Freddy Noser, Präsident der Schulleiterinnen und Schulleiter im Kanton St.Gallen. «Das beginnt schon im Kindergarten. Wir haben dort viele Absenzen.» Dass zunehmend im Kindergarten und der Primarschule Stühle leer bleiben, beunruhigt ihn.

Wenn wir jetzt nicht hinschauen, haben wir in zehn Jahren noch ein grösseres Problem, mit Absenzen von 20 oder 30 Prozent
Autor: Freddy NoserPräsident der Schulleiterinnen und Schulleiter im Kanton St.Gallen

«Man kann nicht mehr wegschauen. Man muss es ernst nehmen. Wenn wir es jetzt nicht machen, haben wir in zehn Jahren noch ein grösseres Problem, mit Absenzen von 20 oder 30 Prozent.» Zum Schulabsentismus bei den Kleinsten gibt es keine Auswertungen, denn die Abwesenheiten werden nicht statistisch erfasst. Deshalb sei es wichtig, genau hinzuschauen, sagt Noser.

Angst ist das grosse Thema

In St.Gallen befasst sich eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, des Kinderspitals oder des schulpsychologischen Dienstes mit dem Thema. Mitglied der Gruppe ist Elsbeth Freitag, Vizedirektorin des Schulpsychologischen Dienstes. Ihr Rat ist dann gefragt, wenn Lehrpersonen nicht weiterkommen.

Sie beleuchtet die Gründe, weshalb sechs-, sieben-, achtjährige Mädchen und Buben nicht zur Schule kommen: «Wir wissen aus der Forschung, dass bei Schulabsentismus bei 80 Prozent Wahrscheinlichkeit Angst im Spiel ist: Schulangst, Versagensangst, Angst der Eltern, Angst des Kindes vor Ausgrenzung, Demütigung, Mobbing, und vieles mehr.»

Wir wissen aus der Forschung, dass bei Schulabsentismus bei 80 Prozent Wahrscheinlichkeit Angst im Spiel ist.
Autor: Elsbeth FreitagVizedirektorin des Schulpsychologischen Dienstes Kt. St. Gallen

Diese Schulängste führten dazu, dass Kinder im Wissen ihrer Eltern zu Hause blieben, manchmal für Tage oder Wochen. Vor allem die Mütter seien dafür verantwortlich, sagen Experten. Mütter fänden oft, ihr Kind sei gestresst, es schlafe schlecht, es brauche etwas Ruhe. Darüber zu sprechen, falle vielen schwer.

Aus Scham wird nicht darüber geredet

Freitag stellt fest, dass Schulabsentismus für viele Beteiligte, auch für Lehrpersonen, mit einem gewissen Schamgefühl verbunden ist. Der Lehrer frage sich, was er falsch mache, dass das Kind nicht mehr komme. Auch die Mutter frage sich, was sie falsch mache, wenn das Kind nicht mehr aus dem Haus wolle. Und schliesslich schäme sich das Kind, weil es das Gefühl habe, im Unterricht nicht zu genügen. Scham sei deshalb ein wichtiges Thema, sagt Freitag: «Da will man privat bleiben. Doch das ist ein Fehler. Man muss sich vernetzen und zusammenarbeiten.»

Wissenschaftlich wurden die Gründe für Schulabwesenheiten in der Schweiz bisher nur bei Oberstufen-Schülern untersucht. Eine Studie dazu hat Erziehungswissenschafterin Margit Stamm verfasst. Sie ist emeritierte Professorin der Universität Freiburg.

Viele Eltern haben den Eindruck, dass sie besser wüssten, wie man Schule geben sollte und wie man sich als Lehrperson zu verhalten hat.
Autor: Margit StammEmeritierte Professorin der Erziehungswissenschaft

Stamm überrascht es nicht, dass Absentismus in der Primarschule zum Thema wird. Sie erkennt einen Wertewandel in der Gesellschaft. Gerade bei der heutigen Elterngeneration sei die Hemmschwelle gesunken, sich den Schulregeln zu unterordnen. Eltern fühlten sich der Schule gegenüber kompetent. «Viele Eltern haben den Eindruck, dass sie besser wüssten, wie man Schule geben sollte und wie man sich als Lehrperson zu verhalten hat. Weiter sind wir eine unverbindlichere Gesellschaft geworden. Es ist eine Kultur der Unverbindlichkeit, die sich auf diese Generation niederschlägt.»

Der Entwicklung Gegensteuer geben

Diese Tendenzen seien schweizweit feststellbar, der Kanton St.Gallen stehe damit nicht alleine da. Wenn Kindergarten-Kinder, zu Hause bleiben und Primarschüler abwesend sind, stünden alle in der Pflicht, da sind sich die Befragten einig.

In St.Gallen wollen Pädagogen, Psychologen und Ärzte gemeinsam dafür sorgen, dass Schuleschwänzen nicht zum dominierenden Problem wird, mit Infokampagnen oder Lehrerfortbildungen etwa. Die Experten wollen auch die Eltern vermehrt in die Pflicht nehmen. Denn halten sie ihre Kinder gewollt von der Schule fern, können sie gebüsst oder gar angezeigt werden.

25 Kommentare

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  • Kommentar von Henriette Rub (ehb)
    Eltern und Kinder müsste wieder lernen, dass es ein Privileg ist, zur Schule zu gehen. In vielen Ländern ist das höchstens ein Wunschtraum. Falscher Ehrgeiz der Eltern ist wenig hilfreich und motivierend. Hausaufgaben und Masterarbeiten gehören nicht zu den Aufgaben der Eltern =Artikel im Beobachter.
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  • Kommentar von Flurina Fisch (flufi)
    "Wenn ich nur darf, wenn ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn die können sollen, müssen wollen dürfen!" Autor unbekannt.
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  • Kommentar von W. Ineichen (win)
    Leider ist vielen Kindern das Kindsein versagt. Schuld daran sind Staat, Schulen, Lehrpersonen, Eltern
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    1. Antwort von E. Waeden (E. W.)
      Noch nicht lange ist es her, da hat es auch hier in der Schweiz noch die "Kinderarbeit" gegeben. Für diese Generation von Kindern war dann halt die Schule eine Art von Freizeit, wo man erst noch etwas lernen konnte, auf dem Schulweg & Pausen mit guten Kumpels abhängen konnte. Zusätzlich förderte es die Sozialkompetenz der Kinder. Heute viele Kinder von Eltern in Watte gepackt & sie schon früh mit einem Handy ausgestattet werden, hat das auch nicht mehr viel mit Kindsein & Spielen zu tun.
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