Schweizer Uhrmacherkunst Aus der Zeit gefallen

Die Schweizer Uhrmacherei soll Weltkulturerbe werden. Gleichzeitig droht das Kunsthandwerk zur Folklore zu verkümmern.

  • Die Uhrmacherei ist eine Schweizer Tradition und soll bald offiziell als Unesco-Kulturerbe gelten. Der Antrag des Bundesrates ist hängig.
  • Die Uhrmacher freuen sich allerdings nur bedingt über die Anerkennung.
  • Denn das Handwerk, das sie erlernt haben, ist heute kaum noch gefragt – die Automatisierung ist weit fortgeschritten.

Mit Lupen, feinen Pinzetten und Mikroschraubenziehern – so werden sie meist abgebildet, die Uhrmacher. Ein Werbe-Klischee, sagt Sozialanthropologe Hervé Munz. Denn das Bild entspreche längst nicht mehr der Realität. Die Uhrmacher seien Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden: «In den 1970er- und 80er-Jahren hat die Schweizer Uhrenbranche wegen der neuen elektronischen Quarzuhren unter einer schweren Krise gelitten», führt Munz aus.

Uhrmacher bei der Arbeit

Bildlegende: Das Schweizer Traditionshandwerk ist weltberühmt – und durch die Automatisierung gefährdet. Keystone

Im Angesicht der Krise habe sich die Branche auf das über Generationen vermittelte Fachwissen und die handwerklichen Fähigkeiten besonnen – und damit auf die mechanische Uhr, die die Industrie wieder in Schwung brachte. Das Problem dabei: Die hochqualifizierten Uhrmacher waren zwar gefragt, nur haben sie nicht damit gerechnet, dass 25, 30 Jahre später auch komplizierte Uhren in automatisierten Arbeitsschritten hergestellt werden könnten.

Darum soll das Uhrmacherhandwerk Kulturerbe werden:

Die Begründung des Bundesrats: «Die Kandidatur unterstreicht die Rolle von Ausbildung und Präzisionshandwerk, die nach wie vor unentbehrlich sind, wenn es um Innovation und technische Präzision geht. Auch wenn der Uhrmacherkunst in erster Linie eine wirtschaftliche Bedeutung zukommt, so hat sie doch auch die Stadtbilder und die sozialen Gegebenheiten in den betreffenden Regionen geprägt und verfügt über eine ganz eigene Symbolik, in der technische Präzision, mechanische Raffinesse und Zeitlichkeit eng miteinander verbunden sind und einen wesentlichen Einfluss auf die lokalen und regionalen Identitäten ausüben.»

Munz hat während vier Jahren über 300 Interviews in der Uhrenbranche geführt. Er ist dabei auf Unzufriedenheit gestossen. Denn die Uhrmacher sähen ihren Beruf und ihr Fachwissen bedroht, bilanziert Munz: «Das Know-how geht immer mehr verloren: Nicht einmal mehr die Hälfte aller in der Industrie tätigen Uhrmacher wird heute in Uhrmacherschulen ausgebildet». Genau dort also, wo hochstehendes und spezialisiertes Fachwissen vermittelt wird.

Sylvain Varone ist Leiter der Schule von Le Locle. Er sagt:

«  Es schmerzt mich, dass das Uhrmacherhandwerk einen Teil seiner Seele verloren hat. »

Für Selbstständige sei es zum Beispiel kompliziert und teuer geworden, Ersatzteile für Reparaturen zu beschaffen, da oft grosse Mindestbestellmengen verlangt würden: «In der Industrie tätige Uhrmacher kommen an manche Komponenten nicht heran, weil ihr Arbeitgeber nur mit gewissen Marken Verträge hat.»

Uhrmacher mit Pinzette.

Bildlegende: Handgefertigtes Kunsthandwerk für das Luxussegment: Viele Hersteller setzen mittlerweile auf Maschinen. Keystone

Zweifelhafter Ruhm

Der Eintrag der Schweizer Uhrmacherei in die Unesco-Liste sollte das Handwerk eigentlich schützen, sagt Sozialanthropologe Munz: «Doch die Uhrmacher werden dadurch nur umso mehr daran erinnert, dass ein Klischee bedient wird, das mit der Realität nur noch wenig zu tun hat.»

Die Uhrmacher wird es wenig trösten, dass sich das immaterielle Kulturerbe gemäss Unesco-Definition verändern kann – wozu auch gehört, dass es ganz verschwindet.