Streit um Krebstherapie Ausbaden muss es der Patient

Erst Chemo- dann Immuntherapie. Diese Reihenfolge müssen Krebspatienten einhalten. Denn sonst lehnen Kassen womöglich die Behandlung ab. Auch wenn es medizinisch manchmal andersherum sinnvoller wäre.

Das Behandlungszimmer ist in sanftem Grün gestrichen. In der Ecke steht ein Engel aus Draht und Holz. Falls es ein Schutzengel ist, hat er hier viel zu tun. Denn Hans Vetsch hat Lungenkrebs.

Eigentlich wollte er – jetzt, nach der Pensionierung – Spass haben mit seiner Lebenspartnerin. Er wollte weiterhin seine Schwiegersöhne bei Velorennen schlagen. Dann das Stechen in der Brust. «Nach einer solchen Diagnose ist die Hoffnung im ersten Moment nicht sehr gross. Das ist ein ziemlich herber Schlag, der einem da versetzt wird. Zwei meiner Geschwister sind an Lungenkrebs gestorben», sagt Vetsch.

«  Die Krankenkasse hat sich geweigert, diese Beurteilung überhaupt vorzunehmen. »

Stefan Greuter
Arzt

Ein Mann steht vor einerm mit Medikamenten gefüllten Regal.

Bildlegende: Auch wenn man keine neuen teuren Krebsmedikamenten braucht, zahlt die Krankenkasse immer öfters nicht. Reuters

Im Behandlungszimmer beim Bahnhof Sargans gibt es aber auch Hoffnung. Krebsarzt Stefan Greuter kennt eine wirksame Behandlung. Wirksam, das sagt eine grosse neue Studie in einer der wichtigsten Fachzeitschriften. Zuerst Immuntherapie, dann Chemotherapie – das sind die Fachbegriffe.

Bloss: Die Krankenkasse will nicht zahlen. Warum, das versteht Arzt Greuter nicht: «Ich habe die Unterlagen, die Studie und alle Informationen der Krankenkasse eingereicht. Sie haben sich geweigert, diese Beurteilung überhaupt vorzunehmen.»

«  Man muss halt einfach akzeptieren, dass man als Einzelner dieser Mühle ausgeliefert ist. »

Hans Vetsch
Krebspatient

Dabei geht es nicht einmal ums Geld. Denn das Umgekehrte, also zuerst Chemotherapie, dann Immuntherapie, bezahlt die Kasse. Und das kostet gleich viel. Aber ein Schelm, wer Böses denkt: Die Patienten sind nach der Chemo oft zu schwach für den Rest und geben auf.

Arzt und Patient haben Beschwerde eingereicht. Hans Vetsch hat aber wenig Hoffnung: «Man muss halt einfach akzeptieren, dass man als Einzelner dieser Mühle ausgeliefert ist.»

«  Seit gut einem Jahr haben abgelehnte Kostengutsprachen merklich zugenommen. »

Stefan Greuter
Arzt

Trotzdem oder gerade deshalb nennt er den Namen seiner Kasse nicht. Und auch für Arzt Stefan Greuter ist dieser nicht entscheidend. Für ihn ist der Fall Vetsch nämlich Symptom eines flächendeckenden Übels: «Seit gut einem Jahr haben abgelehnte Kostengutsprachen merklich zugenommen.»

Ärzte sammeln Beweise gegen Krankenkassen

Und dies bei vielen Kassen. Stefan Greuter sagt: «Das ganze zu quantifizieren, ist schwierig. Aber ich arbeite seit über elf Jahren in der Onkologie. Seit Ende 2015 haben die Ablehnungen deutlich zugenommen. Ich habe deswegen auch begonnen, sämtliche bewilligte und abgelehnte Kostengutsprachen meiner Patienten zu sammeln. Diesen Zusatzaufwand würde ich ohne Zunahme der Ablehnungen nicht machen.»

Das sagt keineswegs nur ein einzelner Arzt. Die Vereinigung der Schweizer Onkologen sieht es ähnlich. Dort hat man angefangen, Weigerungen der Kassen zu sammeln. Noch weiter geht die Krebsliga: Ab Juni bietet sie eine neue Gratis-Anlaufstelle an für Kranke, deren Kassen nicht bezahlen wollen.

Jakob Passweg, Präsident der Krebsliga, ist beunruhigt. Nicht nur, dass das Nein der Kassen in letzter Zeit zugenommen hat. Sondern auch, dass es oft willkürlich sei: «Sie können an einem Tag bei zwei gleichen Patienten von der einen Krankenkasse einen ganz anderen Entscheid haben als von einer anderen. Eine Systematik gibt es da nicht.»

Krankenkassen widersprechen Ärzten nicht

Die Krankenkassen betonen zwar, dass sich eine Häufung des «Nein» bis jetzt nicht belegen lasse. Den Ärzten widersprechen wollen sie allerdings nicht. Urs Vogt, Vertrauensarzt des Kassenverbands Santésuisse, sucht lieber nach Gründen, warum die Kassen heute mutmasslich öfter Nein sagen als früher: «Ich denke, es hat vor allem mit der Kostensteigerung zu tun. Es sind ein paar sehr teure Medikamente auf den Markt gekommen. Und es ist leider so, dass man mit der Industrie kein Vergütungsmodell findet, dass alle zufriedenstellt.»

Ein Computerbild einer Brust.

Bildlegende: Klare Diagnose Brustkrebs. Die Reihenfolge der Behandlung ist aber entscheidend, ob Kassen bezahlen oder nicht. Keystone

Die Leidtragenden sind die Patienten

Das heisst: Die Pharmaindustrie will ihre Medikamente möglichst teuer verkaufen. Die Kassen wollen aber nicht bezahlen. Ausbaden müssen das die Patienten. Sogar wenn sie, wie Hans Vetsch, gar kein teures neues Medikament brauchen.

Tun können sie wenig: Oft sind die Medikamente und Therapien, die sie brauchen, in der Schweiz noch gar nicht zugelassen. Dann müssen die Kassen auch nicht zahlen. Oder die Medikamente und Therapien sind nur für ganz bestimmte Situationen vorgesehen: nur für eine einzige Krebsart, nur in einer festgelegten Reihenfolge. Abweichungen dürfen die Kassen ablehnen, obwohl sie medizinisch gesehen oft sinnvoll wären.

«  Es ist leider so, dass man mit der Industrie kein Vergütungsmodell findet, dass alle zufriedenstellt. »

Urs Vogt
Vertrauensarzt der Santésuisse

Zurecht, findet Kassen-Vertrauensarzt Urs Vogt: «Auch wenn es bei einem Patienten gewirkt hat, heisst das nicht, dass es das bei einem nächsten auch tut. Das kann man erst sagen, wenn umfassende Studien durchgeführt werden.»

BAG sieht kein Problem ...

Und hier sagt nun die Pharmaindustrie: Solche Studien seien teuer, aufwändig und zeitraubend. Kurz: oft nicht machbar. Bleibt die Frage, was die Hüter über das Gesundheitswesen zu all dem sagen. Jörg Indermitte ist zuständig beim Bundesamt für Gesundheit. Er kann nicht bestätigen, dass das Nein der Kassen zugenommen hat und sieht kein grundlegendes Problem: «Man muss sich bewusst sein, dass die zu beurteilenden Einzelfälle oftmals nicht miteinander verglichen und deshalb unterschiedliche Entscheide gefällt werden können.»

... sammelt aber selber Daten

Trotzdem hat das Amt erst Anfang März die Regeln für die Kassen verschärft: Neu müssen diese Gesuche von Ärzten innerhalb von zwei Wochen beantworten. Und der Bund sammelt ab Mai selber Daten zu den Kostengutsprachen und -ablehnungen der Kassen, um in etwa drei Jahren mehr zu wissen.

«  Die Gesetze sind halt nicht auf Einzelfälle zugeschnitten. »

Hans Vetsch
Krebspatient

Hans Vetsch aber hat Angst, dass ihm der Lungenkrebs die Zeit wegfrisst: «Das Ganze dreht sich schlussendlich um Zahlen. Wie viel investiert man in das Gesundheitswesen? Da gibt es Gesetze und die sind halt nicht auf Einzelfälle zugeschnitten.»