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Ausbeutung in der Kita Krippen-Praktikantinnen als billige Arbeitskräfte

Legende: Video Ausbeutung in Krippe: Praktikantinnen als billige Arbeitskräfte abspielen. Laufzeit 14:54 Minuten.
Aus Kassensturz vom 01.05.2018.

Das Wichtigste in Kürze:

  • 84 Prozent der Lehrlinge zur Fachperson Betreuung haben vor ihrer Lehre ein Praktikum gemacht.
  • Die grosse Mehrheit dieser Praktika dauert ein Jahr oder länger. Berufseinsteigerinnen sind benachteiligt.
  • Fachleute kritisieren diese Situation: Das Gesetz sehe vor, dass Jugendliche in der Regel nach dem Schulabschluss direkt in die Lehre einsteigen können.
  • Die Gewerkschaft Unia verlangt ein Verbot dieser Praktika vor der Lehre.
  • Der Verband der Kinderkrippen, Kibesuisse, warnt: Eine Abschaffung der Einstiegspraktika habe höhere Kosten für die Betreuungsplätze zur Folge.

«Ich war alleine mit einem Kind, das einen Gefühlsausbruch hatte. Ich wusste nicht, wie reagieren. Niemand war da, der mir helfen konnte.» So tönt Überforderung. Larissa Russo war 16, frisch ab der Schule, als sie als Praktikantin in einer Kinderkrippe anfing.

Ohne Erfahrung, aber mit viel Verantwortung, oft zu viel für die junge Praktikantin: «Danach ging ich auf die Toilette und weinte. Ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.»

Ausgenützt als billige Arbeitskraft

Babysitterkurs und mehrere Schnuppertage hatte sie hinter sich. Das Praktikum nahm sie in Kauf für ihren Traumberuf in der Kinderkrippe: «Ein Praktikum mache sich gut, hat es geheissen. So habe ich grössere Chancen auf eine Lehrstelle.» Tritt fassen, Fachwissen erlernen: das wollte Larissa Russo. Stattessen wurde sie in ihrem Praktikum als billige Arbeitskraft ausgenutzt. Es fehlte an Ausbildung, es fehlte an Betreuung.

Auch die Hoffnung auf eine Lehre zerschlug sich. Eine Lehrstelle hat Larissa Russo nicht bekommen, wie vier andere Praktikantinnen derselben Kindertagesstätte auch nicht. Alle gingen in ein zweites Praktikumsjahr. «Ich finde es unfair, dass man im Praktikum funktionieren muss, wie eine Ausgelernte», sagt die heute 21-Jährige. Nach zwei Jahren Praktikum fand sie eine Lehrstelle als Fachfrau Betreuung Kind und damit den Einstieg in den Beruf.

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Nach der Schule: Praktikum statt Lehre

Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Das Problem ist länger bekannt, doch seit Kurzem liegen erstmals schweizweite Zahlen vor, die zeigen, wie stark verbreitet das Phänomen ist. Die Dachorganisation Savoirsocial geht aufgrund einer Umfrage davon aus, dass 84 Prozent der Lehrlinge vor der Lehre ein Einstiegspraktikum machen mussten.

Das betrifft auch Lehrlinge, die in Alters- oder Behindertenheimen ihre Ausbildung machen, die meisten Berufseinsteiger aber arbeiten in der Kinderbetreuung. Kommt hinzu: Die grosse Mehrheit dieser Praktika (83%) dauert ein Jahr oder noch länger.

Branche benachteiligt Berufseinsteiger

Beat Zobrist erhebt diese Zahlen für den Kanton Bern schon seit Jahren. Er leitet das Zentrum für Sozialberufe «Oda Soziales». Er erhält vor allem Anfragen von Eltern, die sich wundern, warum ihre Kinder zu Einstiegspraktika verknurrt werden.

Für ihn ist dies eine Zumutung für junge Leute, die sich für eine Lehre im Sozialbereich entscheiden: «Unsere Branche benachteiligt die Jugendlichen beim Einstieg ins Berufsleben. Das muss geändert werden. Das ist ein Beruf wie jeder andere auch. Man darf Jugendliche, die in den Sozialsektor wollen, nicht mit ein oder zwei Jahren Gratisarbeit bestrafen.»

Hunderte Jugendliche müssen ganz neu anfangen

Und: Die Zahlen von Savoirsocial umfassen nur jene Jugendlichen, die am Ende auch den Einstieg in den Beruf schaffen. Noch schlimmer ergeht es jenen, die jahrelang Praktika machen, ohne eine Lehrstelle zu bekommen: «Das sind allein im Kanton Bern schätzungsweise 200 junge Leute pro Jahr», sagt Beat Zobrist.

Er kennt den Frust dieser Jugendlichen, die nach mehreren Jahren Praktika in einer anderen Branche wieder neu anfangen müssen: «Ich meine, das ist nicht gerecht und nicht anständig gegenüber diesen Jugendlichen.» Seit Jahren kämpfe man im Kanton Bern dafür, dieses Praktikumswesen abzuschaffen.

Kanton Bern kontrolliert Krippen verstärkt

Dabei ist Bern weiter als andere Kantone. Die Arbeitsmarktaufsicht des Kantons führt seit diesem Frühling verstärkt Kontrollen in Kinderkrippen durch. Die Vorgabe: Einstiegspraktika dürfen maximal sechs Monate dauern. Wenn die Krippe eine Lehrstelle garantiert, darf sie das Praktikum maximal um weitere sechs Monate verlängern. Ansonsten seien die Mitarbeiter als ungelernte Angestellte zu betrachten. Mindestlohn: 3000 Franken.

Beat Zobrist begrüsst diese Vorgaben. Aber auch das sei nur ein Zwischenschritt. Einerseits seien Wechsel in der Betreuung alle sechs Monate nicht wünschenswert, andererseits seien auch sechs Monate Praktikum nicht nötig: «Wir gehen immer noch davon aus, dass es möglich sein sollte, dass man ab Schulabgang eine Lehre machen kann. Fertig, Schluss!»

Gewerkschaft fordert ein Verbot

Die Gewerkschaft Unia geht weiter. Jugendsekretärin Kathrin Ziltener fordert im «Kassensturz»-Interview: «Solche Vorlehrpraktika müssen verboten werden.» Lehrstellensuchende bedürften eines besonderen Schutzes, oft kennen sie ihre Rechte nicht. Das Argument mit den höheren Kosten lässt sie nicht gelten: «Das Finanzierungsloch darf nicht auf dem Rücken der Jüngsten und Schwächsten ausgetragen werden.»

Der Verband Kinderbetreuung Schweiz Kibesuisse begrüsst das Ziel, Praktikumsstellen zu reduzieren. Kibesuisse hält aber fest, dass ein Verzicht auf Praktika hohe Mehrkosten zur Folge hätte. Und damit auch höhere Krippenbeiträge. Geschäftsführerin Nadine Hoch nimmt live im «Kassensturz» Stellung zur Kritik an den Praktika in Kinderkrippen.

Legende: Video Studiogespräch mit Nadine Hoch, Geschäftsleiterin Verband Kinderbetreuung Schweiz abspielen. Laufzeit 05:05 Minuten.
Aus Kassensturz vom 01.05.2018.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Tom Duran (Tom Duran)
    Im ganzen Sozialbereich ist es Gang und Gäbe, Praktikanten und Zivis anstelle Fachkräften anzustellen. Seit ich im Bereich Sozialarbeit tätig bin musste ich erschreckendes feststellen: nirgends sonst wird so getrickst und Gesetze umgangen bzw. selber erstellt wie hier! Und das bei vollem Bewusstsein der Behörden. Anfragen ob der Rechtmässigkeit werden abgewiesen oder nicht beantwortet. Typisch für den Sozialbereich: man wird von Amt zu Amt verwiesen, niemand will sich die Finger verbrennen!
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Pädagogisch ausgebildete und sensible Führungspersonen nutzen unreife Berufsinteressierte schamlos aus. Jetzt muss man sich vorstellen, wie die Geschäftsleitungen derselben Kita mit noch jüngeren, noch ausgelieferten Persönchen, nämlich mit dem Klientel, umgehen. Ich habe in diesem Thema schon vor einigen Jahren in einer Nachtsendung des SRF-Radio ein langes Interview mit einer Bernerin gehört. Seitdem hat sich nichts getan. Nur ein Teil der unsäglich familienunfreundlichen Politik der Schweiz.
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    1. Antwort von Margrit Holzhammer (Margrit Holzhammer)
      Auch wenn Fachkräfte sogenannte pädagogisch, psychologisch und sozial ausgebildet sind, heisst das noch lange nicht, dass sie sich pädagogisch, psychologisch und sozial benehmen! Wenn Mann/Frau bei dieser Arbeit nicht mit dem Herzen dabei und somit sensibel gegenüber diesen Personen ist, nützt die ganze Ausbildung nichts!!!
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  • Kommentar von Hildegart Rüdisüli (Hildegart Rüdisüli)
    Da laufen sehr viele krumme Dinge hinter dem Vorhang einer Betreuungsstelle! Was in diesem Beitrag (leider) nicht angesprochen wird: Mit Zivildienstleistenden wird gleich oder noch schlimmer umgegangen - klar geht es am Ende nicht um Lehrstellen - aber als billige Vollzeit-Arbeitskraft wird man dennoch ausgenutzt, mit dem Umterschied, dass man nicht kündigen kann!! Ich behaupte, mit Zivis spart man nochmal eine eine ganze Stange Geld mehr als mit Praktikantinnen und Praktikanten...
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    1. Antwort von Urs Dupont (udupont)
      Immerhin ist es mit den Zivis eine Win-Win Situation. Verglichen mit dem Militärdienst haben die Zivis einen Schoggijob .....
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    2. Antwort von Joel Busch (Joel)
      Als Zivi empfinde ich das als nicht so schlimm. Klar werde ich ausgenutzt, aber eben von Staates wegen. Wie im Militärdienst auch. Solange es Wehrpflicht gibt, ist das das Los der jungen Männer. Und so will es das Volk leider. Das kann ich nicht dem Zivibetrieb übel nehmen. Ein Zivi hat nicht denselben Anspruch auf Ausbildung und Sammeln nützlicher Erfahrung wie ein Praktikant.
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    3. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Ein Zivi will eben seine bürgerlichen Pflichten nicht ganz erfüllen. So finde ich iO, dass der Staat hierzu auch Bedingungen stellt. Zivis wird idR auch nicht so viel Verantwortung übertragen, so erfassen sie das Gewicht ihrer Tätigkeit oft selber nicht. Für sie ist es Spass, plus, sind sie Erleichtert, dass sie nicht mit der Waffe herumwedeln müssen. Aber eine junge Person, die voll motiviert am Start ihres Berufslebens steht, derart auszunutzen, durch Pädagogen --- unerhört ist das.
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