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Ausser Spesen nichts gewesen Abzockerinitiative verfehlt ihr Ziel

  • Vor fünf Jahren hat das Schweizer Stimmvolk seinen Unmut ausgedrückt über hohe Bonus-Zahlungen für Top-Manager. Mit einem Stimmenanteil von 68 Prozent sagte es JA zur sogenannten Abzocker-Initiative.
  • Seit vier Jahren haben die Aktionäre börsenkotierter Unternehmen mehr Mitspracherecht, können regelmässig über die Management-Vergütungen abstimmen und Verwaltungsräte abwählen.
  • Die Boni sind deshalb aber nicht unter Druck geraten.
Eine Person steigt in eine Limousine vor der UBS-Filiale am Paradeplatz.
Legende: Unternehmen sind gut beraten, die Signale ihrer Aktionäre trotz der fehlenden Wirkung der Abzocker-Initiative, zu hören. Keystone / Symbolbild

Geschäftsleiter oder Verwaltungsrätin eines grossen Schweizer Unternehmens zu sein, ist aus finanzieller Sicht lukrativ – auch nach der Annahme der Abzocker-Initiative. Das mittlere Jahres-Salär eines CEOs etwa, liegt aktuell bei 1'200'000 Franken.

So hat es Vergütungsexperte Urs Klingler berechnet, der mit seiner Beratungsfirma Einblick in die Top-Saläre hat. In der Pharma- und der Finanzbranche kassierten die obersten Chefs gar Boni in zweistelliger Millionen-Höhe. Klingler sagt, die Abzocker-Initiative habe zwar mehr Transparenz gebracht, was die Höhe der Chef-Saläre betreffe – ihr eigentliches Ziel habe sie aber verfehlt. «Man hat erwartet, dass die Löhne stagnieren oder sinken, doch das Gegenteil ist der Fall. Weil sich die Manager besser vergleichen können, sind die Löhne gestiegen.»

Das bekräftigt eine Auswertung der Unternehmensberatung PWC. Als Utopie hat sich auch die Hoffnung entpuppt, Aktionärinnen und Aktionäre würden dank mehr Mitspracherecht an der Generalversammlung Gegensteuer bei hohen Boni geben. Denn entscheidend Einfluss nehmen können nur Gross-Aktionäre sowie Stimmrechts-Berater aus den USA. Aktionäre, die nicht alle Vergütungssysteme studieren können oder wollen, orientieren sich an den Empfehlungen dieser Berater. Sie bestimmen also, wo es langgeht.

Weil sich die Manager besser vergleichen können, sind die Löhne gestiegen.
Autor: Urs KlinglerVergütungsexperte

Und sie winken die vorgeschlagenen Vergütungen an das Management meist durch, stellt der Vergütungsexperte fest. Hauptsache das Unternehmen mache Gewinne und lasse die Aktionäre mittels Dividende daran teilhaben.

«Vor der Generalversammlung wird mit den Aktionärsgruppen verhandelt. Wenn die Interessen da angemessen berücksichtigt sind, dann ist die Höhe der Vergütung der Geschäftsleitung ein relativ unwichtiger Punkt. Es ist zwar schön, dies in der Öffentlichkeit zu diskutieren, aber eigentlich sind die paar Millionen nicht der Rede wert,» meint Klingler weiter.

Schweizer Unternehmen zahlen ihren Chefs im europäischen Vergleich darum auch heute noch Spitzen-Boni. Aber, und das ist vielleicht die grösste Errungenschaft der Initiative, die Unternehmen müssen besser erklären, wie die Saläre zustande kommen. Letztes Jahr bekam jedes fünfte Unternehmen an der Generalversammlung weniger als 80 Prozent Zustimmung für seinen Vergütungsbericht, weil die Aktionäre mit diesem nicht zufrieden waren.

Es ist zwar schön, dies in der Öffentlichkeit zu diskutieren, aber eigentlich sind die paar Millionen nicht der Rede wert.
Autor: Urs KlinglerVergütungsexperte

Laut Vergütungsexperte Michael Kramarsch vom Beratungsunternehmen HKP hat das durchaus Auswirkungen: «Das ist genauso ein Schwellenwert, wo die Investoren erwarten, dass ihre Anregungen erhört werden und da kann man den Schweizer Unternehmern nur raten: ‹Höret die Signale!›»

Ignoriert ein Unternehmen diese Signale nämlich, droht die Gefahr, dass sich die Aktionäre bei der bindenden Abstimmung über die Saläre oder bei der Wahl der Verwaltungsräte rächen. Und so führe die Abzocker-Initiative dazu, dass eine Professionalisierung der Vergütungs-Systeme stattfinde, sagt Kramarsch.

«Da ist die Schweiz weit hinter internationalen Standards. Dort macht sich auch die Kritik der Investoren fest. Ganz salopp gesprochen: Mit einer besseren Transparenz könnte man wahrscheinlich die Kritik der Investoren gut auffangen», so Kramarsch.

Da kann man den Schweizer Unternehmern nur raten: ‹Höret die Signale!›
Autor: Michael KramarschVergütungsexperte der Beratungsfirma HKP

Fünf Jahre nach der Abstimmung über die Abzocker-Initiative kann man deshalb feststellen: Die Aktionärsrechte wurden gestärkt. Profitiert haben aber vor allem Grossaktionäre und Stimmrechtsberater, die ganz offensichtlich andere Prioritäten haben, als hohe Boni zu bekämpfen.

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