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Schweiz Bauer darf Rinder auf der Weide schlachten

Ein Biobauer darf seine Rinder auf der Weide töten. Das Zürcher Veterinäramt hat ein entsprechendes Pilotprojekt bewilligt. Bisher war das in der Schweiz verboten.

Legende: Video «Sonderbewilligung für Weide-Schlachtung» abspielen. Laufzeit 6:22 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 09.06.2015.

Biobauer Nils Müller tötet seine Rinder mit einem gezielten Kopfschuss auf der Weide. Auf diese Art sollen die Tiere weniger leiden. Bislang war die sogenannte Weideschlachtung in der Schweiz verboten, doch nun hat das Veterinäramt des Kantons Zürich eine Bewilligung für zehn Schlachtungen erteilt.

Müller ist überzeugt, dass es keine bessere Schlachtmethode gibt. «Man sieht und spürt, dass die Tiere keinerlei Stress ausgesetzt sind. Sie bleiben in der gewohnten Umgebung und haben ihre Herde zum Zeitpunkt der Betäubung um sich», sagt er nach den ersten drei Weideschlachtungen.

Als früheren Vegetarier habe es ihn immer gestört, dass der letzte Tag im Leben der Tiere «ungelöst» sei. «Wenn ich konsequent bin und den letzten Tag in meinen Händen behalten will, ist für mich klar, dass ich den Schuss selber ansetze», sagt Müller gegenüber «Schweiz aktuell».

Legende: Video «Weideschlachtung in Deutschland (unkommentiert)» abspielen. Laufzeit 0:31 Minuten.
Vom 09.06.2015.

Jägerausbildung gemacht

Auf seinem Bauernhof in Forch (ZH) haben Müller und seine Frau für das neue Verfahren eine kleine, separate Koppel mit einem angrenzenden Hochsitz eingerichtet. Von dort aus nimmt der Landwirt das Tier, das geschlachtet werden soll, ins Visier und erschiesst es mit einer Kleinkaliberwaffe. Müller hat dafür extra eine Jägerausbildung absolviert.

Das Projektil bleibt im Kopf des Rindes stecken, sodass andere Tiere nicht gefährdet werden, wie Eric Meili vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), erklärte. Die anderen Tiere reagieren kaum auf den Schuss. Sie bleiben ruhig und werden anschliessend aus der Koppel auf die Weide getrieben.

Nach der Betäubung wird das Rind mit einem Frontlader angehoben und in einer mobilen Schlachtbox ausgeblutet. Anschliessend wird das Tier in einem Schlachtlokal zerlegt.

Stress vermeiden und bessere Fleischqualität

Diese Methode erspart den Tieren den Transport, das Eingesperrtsein auf dem Schlachthof sowie den Kontakt zu fremden Artgenossen und Menschen. Diese Stressfaktoren zu vermeiden, ist nicht nur eine Frage des Tierwohls, sondern hat auch Auswirkungen auf die Fleischqualität.

Das Verfahren sei eine gute Möglichkeit für direkt vermarktende Produzenten, sagte Meili. Beispielsweise für Landwirte wie Nils Müller, der selbst jahrelang Vegetarier war. Erst nach einem Praktikum in einem Sterne-Restaurant lernte er Fleisch von hoher Qualität wieder schätzen.

Nicht im grossen Stil praktikabel

Markus Ritter vom Schweizerischen Bauernverband ist skeptisch, was die Praktikabilität der Weideschlachtung betrifft. «Das ist eine Massnahme, die auf Einzelfälle beschränkt sein wird», sagt Ritter. «Der Aufwand ist gross und auch die entsprechende Infrastruktur, die da zur Verfügung stehen muss, ist erheblich.»

Denn mit dem Schlachten alleine sei es nicht getan. «Das Tier muss dann auch noch zerteilt werden, das ist ein sehr aufwendiger Prozess.» Zudem entstehen Schlachtabfälle, die ebenfalls korrekt entsorgt werden müssen. Ritters Fazit: «Die Weideschlachtung wird sich nicht im grossen Stil durchsetzen.»

Ähnlich sieht das der Verband Mutterkuh Schweiz. Das Errichten der notwendigen Infrastrukturen sei für Schweizer Viehhaltungsbetriebe mit durchschnittlich rund 20 Kühen sehr teuer und für die Mehrheit der Betriebe nicht sinnvoll, sagte Geschäftsführer Urs Vogt.

38 Kommentare

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  • Kommentar von Pia Müller, 9443 Widnau
    Auch als wirklich seriöse Tierschützerin esse ich ab und zu Fleisch ! - in der Hoffnung, nur aus tiergerechter Haltung eingekauft zu haben ?! Wichtig ist für mich nur: Unsere (Fleisch-) Tiere sollen es bis und vor allem mit dem Schlachten gut und tiergerecht gehabt haben = spez. ohne Angst beim Transport oder im Schlachthof - deshalb ist für mich die Tötung auf dem Bauernhof (wie beschrieben) wirklich eine hoffentlich viel mehr genutzte Art für "uns Fleischfresser" .
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  • Kommentar von Thomas Käppeli, Guatemala Ciudad
    Noch ein Nachtrag zum Fleischverzehr. Müssten Fleischliebhaber den „Nachschub“ selber töten und schlachten, gäbe es viel mehr Vegetarier auf Erden. Allen voran 1. Weltstaaten, wo man Fleisch nur noch aus der Vitrine bei Idealbeleuchtung kennt. Für viele Konsumenten Kühe auf der Weide Hörner tragen und lilafarben sind. Dazu leckere Emulsion namens Milch aus dem Tetrapak. Selber auf dem Lande gross geworden schockiert, wie ahnungslos heute Stadtkinder, über die Herkunft ihrer Nahrung sind.
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    1. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      Bin ganz Ihrer Meinung, Herr Käppeli, nur müsste es Veganer heissen, nicht Vegetarier. Denn Letztere verzehren ja auch tierische Produkte und tragen deshalb genauso zum Leid der Nutztiere bei, insbesondere der Turbo-Milchkühe oder -Hennen. Viele Leute wissen gar nicht, dass MIlchkühe nur Milch liefern, wenn sie vorher gekalbert haben, und dass sie und die Hühner idR nicht einmal mehr verwertbar sind, sondern nach ca. 2 Jahren ausgelaugt auf der Kadaverstelle landen.
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    2. Antwort von E. Waeden, Kt. Zürich
      Man muss nicht zum Veganer werden, wenn man bereit ist, für Produkte, welche von Tieren stammen die artgerecht gehalten werden etwas mehr zu bezahlen. Nur die "Geiz ist geil-Mentalität" vieler Menschen fördert Massentierhaltungen, Turbo-Milchkühe, usw. Herr Müller, dieser Bio-Bauer hat es richtig gesagt:" 2 bis 3 mal/Woche gutes Fleisch gekauft, kostet es nicht mehr, als jeden Tag Billig-Fleisch auf dem Teller zu haben. Hier gilt eben auch: Oft ist weniger mehr."
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  • Kommentar von Isabelle Knöri, Feutersoey
    Hut ab vor all den Anstrengungen, die Biobauer Müller auf sich genommen hat, um eine Bewilligung für (vorerst 10) Weideschlachtungen zu erhalten. Es zeugt von grossem Respekt dem Lebewesen gegenüber und einem bewundernswerten Interesse am Wohlergehen seiner Tiere. Für mich zeigt diese Art von Schlachtung den wohl einzig vertretbaren Weg zur Tötung von Nutztieren dar, obwohl ich persönlich auch weiterhin nein zu Fleisch sagen werde...
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