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Schweiz Bauern brauchen mehr Ackerland als der Gewässerschutz

Um den guten Ackerboden zu verteidigen, bekämpfen die Bauern in zahlreichen Kantonen die Renaturierung der Flüsse, wie sie das Parlament 2011 gutgeheissen hatte. Doch im Kanton Aargau braucht die Landwirtschaft viel mehr Ackerland als der Gewässerschutz.

Aufnahme des Deltas des Flusses Cassarate, der derzeit Projekt einer Renaturierung ist.
Legende: Bauern fürchten wegen Renaturierungsprojekten um ihr Ackerland. Keystone

Norbert Kräuchi, der Leiter der Abteilung Landschaft und Gewässer im Kanton Aargau, wollte es ganz genau wissen. Wie viel Ackerland ging 2014 im Aargau ausserhalb der Bauzonen verloren – und wofür? Die Auswertung der Zahlen überrascht: 60 Prozent geht auf das Konto der Landwirtschaft. «Es sind Remisen, Ställe und immer mehr auch Kühlregallager, die ausserhalb der Bauzone gebaut werden und die brauchen sehr viel Fläche», sagt Kräuchi.

Keine Überraschung für Bauernverband

Ungleich kleiner war der Verbrauch von gutem Ackerland für Strassen- und Bahnprojekte, für Golfplätze oder für die Renaturierung von Bächen und Flüssen. Für Naturschutzprojekte war der Verbrauch etwa zehn Mal kleiner als für die Bauprojekte der Landwirtschaft. Vielleicht sollte der Bauernverband also erst einmal den eigenen Landverbrauch unter die Lupe nehmen, statt auf den Gewässerschutz zu schiessen?

Bauernverbands-Präsident Markus Ritter sieht das nicht so. Er zeigt sich auch nicht überrascht über die Zahlen aus dem Aargau: «Die Politik erwartet von der Landwirtschaft, dass sie effizienter wirtschaftet und dass sie auch in neue Gebäude wie tierfreundliche Stallhaltungssysteme investiert. Die Bauern passen sich hier an – das erstaunt mich nicht.»

Mehr Poulet braucht mehr Land

Wenn Schweizer mehr Poulet essen wollten, so brauche es eben grosse, neue Hühnerställe und die liessen sich nicht mitten in den Dörfern bauen, sagt Ritter. Er findet zudem, man müsse neben der Renaturierung redlicherweise auch die grossen Räume entlang den Gewässern dazurechnen, die künftig weniger intensiv bewirtschaftet werden dürfen. Die Bauern würden weiter dagegen kämpfen, kündigt Ritter an: «Gerade im Kanton Aargau wird sehr viel Fläche verloren gehen. Wir rechnen für die Ausscheidung der Gewässerräume gesamtschweizerisch mit 20‘000 Hektaren – das ist eine Riesenfläche – und diese Auseinandersetzung steht uns noch bevor.»

Pro Natura ist entrüstet

Es geht um die Umsetzung des Gewässerschutzes, wie ihn die Bevölkerung 2011 an der Urne beschlossen hat. Die Fischer und die Umweltorganisationen wie Pro Natura zeigen sich entrüstet darüber, dass die Bauern die Umsetzung des Volksentscheides jetzt zu verhindern versuchen. Die Streifen entlang der Bäche und Flüsse, in denen keine Pestizide und kein Dünger mehr eingesetzt werden dürfen, seien – im Gegensatz zu den renaturierten, verbreiterten Flüssen – für die Landwirtschaft kein verlorenes Land, sagt Marcel Liner von Pro Natura: «Es ist eine extensive Bewirtschaftung, dir dort gefordert wird, aber diese Fläche kann jederzeit wieder in einen Getreideacker umgewandelt werden.»

Dann etwa, wenn die Versorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln wirklich kritisch würde. Zudem müssten die Flächen zur Renaturierung, also die Flächen zur Verbreiterung der Flüsse in ein Verhältnis gesetzt werden zu dem, was die Landwirtschaft der Natur weggenommen habe. Auch dazu liefert die Aargauer Untersuchung Zahlen: Von den Sumpfgebieten und Wasserläufen, die seit 125 Jahren verschwunden sind, werden mit der Renaturierung gerade mal drei Prozent wiederhergestellt. Der Natur gebe man nur einen Bruchteil wieder zurück, sagt Liner.

Mehr Platz gegen Hochwasser und für die Natur

Zentral sei laut Liner aber auch der Hochwasserschutz. Die grossen Überschwemmungen im Urner Reusstal und im Berner Oberland hätten deutlich gezeigt, dass die Flüsse mehr Platz bräuchten – und mehr Platz bedeute lebendigere Flussläufe, das wirke sich zum Glück auch schnell auf die Tierwelt aus. «Ich denke an die Bachforelle, an Krebse, an Libellen. Man weiss aus Untersuchungen, dass diese Tiere dann relativ schnell wieder zurückkommen.» Liner weist auch daraufhin, dass dies von grossem Nutzen für die Anwohner, welche Freude an diesen Lebensräumen hätten, sei.

Pro Natura fordert die Bauern deshalb dazu auf, die Attacken auf den Gewässerschutz zu stoppen und den eigenen sehr hohen Verbrauch an gutem Ackerland zu überdenken. Die Zahlen aus dem Kanton Aargau stossen auf reges Interesse – auch andere Kantone wollen nun genauer abklären, wer für wie viel Kulturlandverlust ausserhalb der Bauzone verantwortlich ist.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli (Bruno Hochuli)
    Wenn den Bauern das Wasser wieder alles vernichtet hat, dann ist natürlich wieder der Staat dafür verantwortlich, weil er zuwenig für den Gewässerschutz getan hat. Diesen Bauern sollte man keinen Rappen mehr bezahlen, wenn sie wieder vom Wasser betroffen werden. Wer verkauft denn sein Land an die Bauherren und Architekten?
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  • Kommentar von Thomas Leu (tleu)
    Man könnte auch die unzähligen Autobahnen renaturieren. Wenn immer mehr Leute immer mehr Autofahren wird die Landschaft noch mehr zubetoniert und versiegelt als mit Ackerland.
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    1. Antwort von Christoph Heierli (help)
      Genau dazu führt auch eine zweite Röhre durch den Gotthard.
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    2. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      Genau, dann nehmen noch mehr Leute das Auto, man schreit nach 8-spurigen Autobahnen und wir können die Landschaft komplett abschreiben.
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  • Kommentar von A Züger (zua)
    In welcher Traumwelt leben diese "Naturschützer". Vielleicht schon mal nachgedacht, worauf ihr sorglosen Wohlstandsleben fusst. Die Landwirte arbeiten hart um ihr schwindendes Einkommen durch Eigeninitiative mit innovativen Erweiterungen zu verbessern versuchen, während die Naturschützer aus den warmen (Staats-)Stuben nach noch mehr Steuergeld für ihre als "Renaturierung" von Gewässern bezeichneten Projekte rufen, die in Tat und Wahrheit reine Natur-Romanik Träumereien sind.
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    1. Antwort von Christoph Heierli (help)
      Was nützt uns ein sorgloses Wohlstandsleben wie sie es nennen Herr Züger, wen dabei die Natur vor die Hunde geht. An ihre Nachkommen oder an die Jugend, denken sie wie viele Kapitalabhängigen überhaupt nicht. Schade...
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    2. Antwort von A Züger (zua)
      C.Heierli: Und wie mir Jugend am Herzen liegt. Will keine mit Verordnungen völlig zugepflasterte Gesellschaft, die keinerlei eigeninitiative Entfaltung mehr zulässt. Masse mir nicht an, absolut zu wissen, wie und was für unsere Umwelt und Natur von Staates wegen gut zu sein hat. Heutige "Umweltschützer Generation" ist in vernünftiger Umwelt Freiheit mit rundum "Wohlstandsversicherung" aufgewachsen, von dem ist immer weniger übrig, Jugend soll dieselben Chancen und Möglichkeiten haben.
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