Beim AKW-Rückbau sind Überraschungen garantiert

Der Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg rückt näher, die Vorbereitungen und Planungsarbeiten laufen bereits. Ein Atomkraftwerk abzubauen ist ein langwieriges und nur teilweise planbares Unterfangen. Das zeigt der Rückbau eines AKW bei Karlsruhe.

Die Anlage war einst ein Versprechen für die Zukunft – heute stehen die Zeichen auf Abbruch: Das zylinderförmige Betongebäude aus den frühen 1960er-Jahren ist leer: Darin befand sich der Schwerwasser-Reaktor, der Dampf für die Strom- und Wärmegewinnung produzierte. Inzwischen ist das Innenleben weg, wie sich auf einem Rundgang zeigt: keine radioaktiven Brennstäbe mehr, keine Apparaturen, keine Leitungen und Rohre.

All das zu entfernen, habe Jahre gedauert, erklärt der Anlagenleiter Werner Süssdorf. Denn jedes Werkzeug und jedes Gerät, das für den Rückbau eingesetzt wurde, war eine Einzelanfertigung, schlicht weil kein AKW dem anderen gleicht. Erschwerend kam hinzu, dass die stark radioaktiv verstrahlten Teile der Anlage nur mit ferngesteuerten Robotern demontiert werden konnten.

Handarbeit gefragt

Anschliessend waren Spezialisten in Schutzanzügen jahrelang damit beschäftigt, jeden Millimeter radioaktiven Beton abzufräsen und jeden Dübel einzeln zu entsorgen, bis jede Installation der gesamten Anlage nachweislich frei von radioaktiver Strahlung war. «Diese Dekontaminierung war wesentlich aufwendiger als wir dachten», sagt Süssdorf, zumal die radioaktive Strahlung stellenweise tief in den Beton eingedrungen war – im vorliegenden Fall war es Tritium. Somit ist auch der Rückbau der Betonstrukturen – das vermeintlich Einfachste – eine aufwändige Sache, weil die Situationen vor Ort oft anders aussehen als erwartet. Das verzögere den Rückbau immer wieder, erklärt Werner Süssdorf.

Begonnen wurde der Rückbau vor fast 30 Jahren – abgeschlossen wird er irgendwann nach 2020 – präzisere Angaben machen die Rückbauspezialisten nicht. Inzwischen sind die Abbrucharbeiten soweit fortgeschritten, dass bei der Schleuse beim Ausgang keine radioaktive Strahlung mehr gemessen wird, wenn Mitarbeiter und Besucher die Anlage verlassen.

Ein Dutzend Rückbauten

Der Reaktor in Karlsruhe wurde in den frühen 60er Jahren gebaut – zu einer Zeit also, als die Kernenergie als unerschöpfliche Energiequelle der Zukunft galt. An Rückbau dachte damals niemand. So war fast jeder Arbeitsschritt in den vergangenen Jahrzehnten Pionierarbeit.

Inzwischen sind in Deutschland gut ein Dutzend Kernkraftwerke im Rückbau – dementsprechend verfügen die Energiekonzerne und die universitäre Forschung mittlerweile über einen gewissen Erfahrungsschatz. Trotzdem sei die Demontage eines AKW nicht standardisierbar, sagt Sacha Gentes, Professor am Karlsruher Institut für Technologie und forscht zum Rückbau von Kernkraftanlagen. «Der Rückbau ist technisch zwar gelöst, jedoch besteht bei allen Arbeitsschritten noch Optimierungsbedarf».

Endlager fehlen

Der AKW-Rückbau bleibt somit ein kostspieliger und langwieriger Prozess: Sacha Gentes geht von Kosten von rund einer Milliarde Euro pro AKW aus und rechnet mit einer Dauer von 10 bis 15 Jahren. Auch der Berner Stromkonzern BKW rechnet für den Rückbau von Mühleberg mit einem vergleichbaren Aufwand.

Allerdings, ein Problem bleibt vorläufig ungelöst: Die Entsorgung des radioaktiven Bauschuttes. Weil Endlager fehlen, wird dieser in Deutschland in Zwischenlagern direkt neben den ehemaligen AKW deponiert. Die radioaktiven Überreste des AKW Mühlebergs kommen ins schweizerische Zwischenlager in Würenlingen.