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Beteiligung der Pharma Luzerner Klinik testete Medikamente an Patienten

Legende: Video Medikamententests an Patienten abspielen. Laufzeit 5:59 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 23.11.2017.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Psychiatrische Klinik St. Urban hat in den 1950er und 1960er Jahren mit nicht zugelassenen Medikamenten an insgesamt 208 Patienten experimentiert.
  • Laut Testberichten, die «Schweiz aktuell» vorliegen, befand sich unter den betroffenen Patienten auch ein Minderjähriger.
  • Die Testmedikamente wurden demnach von der Basler Pharmaindustrie kostenlos zur Verfügung gestellt.

An der Psychiatrischen Klinik St. Urban im Kanton Luzern sind zwischen 1953 und 1963 mindestens fünf noch nicht zugelassene Medikamente getestet worden. Betroffen waren insbesondere Patienten mit einer Schizophrenie, einer Depression sowie Alkoholkranke.

Dies zeigen Testberichte, die in den 1960er Jahren in Ärztefachzeitschriften publiziert wurden. Urs Germann, Historiker an der Uni Bern, geht davon aus, dass die Patienten nicht immer darüber aufgeklärt wurden, dass sie an einem Medikamententest teilnehmen.

«Die Ärzte in dieser Zeit massen der Einwilligung und Aufklärung der Patienten eine eher geringe Bedeutung bei. Deshalb wurden die Testpräparate möglicherweise auch unter Zwang verabreicht oder die Ärzte überredeten die Patienten zur Einnahme des Arzneimittels.»

Gratis-Präparate der Basler Pharmaindustrie

Die Basler Pharmaindustrie hatte ein grosses Interesse daran, die Wirkstoffe an Patienten auszuprobieren, denn die Kliniken waren ein attraktiver Markt für Medikamente, sobald diese zugelassen waren.

Wie in anderen Kliniken stellten die Basler Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche AG (heute Roche AG) und J.R. Geigy AG (heute Novartis AG) die Testmedikamente gratis zur Verfügung. «Im Gegenzug testeten die Kliniken die Medikamente und lieferten der Pharmaindustrie die Testergebnisse, das war der Deal», erklärt Germann.

Von «aufhellende Wirkung» bis «Kollapsneigung»

Die Wirkung der getesteten Medikamente reichte von «tranquillisierend» und «schlafanstossend» bis hin zu einer «Kollapsneigung». Ziel der Ärzte war es oft, die Patienten ruhig zu stellen. Konnte dieser Zustand nicht erreicht werden, wurde die Dosis erhöht. Dies wurde von den Patienten in St. Urban aber nur «selten vertragen», wie aus den Testberichten hervorgeht.

Getestet wurden insgesamt fünf Medikamente, darunter auch Valium. Die fünf Arzneimittel wurden später alle zugelassen. Germann geht jedoch davon aus, dass noch weitere Präparate getestet wurden: «Es kann gut sein, dass auch Medikamente getestet wurden, die nie zugelassen wurden.»

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Emmisberger (Walti)
    Das schmerzt was Herr Pierre Bourquin hier in seinem Kommentar schreibt, aber vielleicht hat er sich mit den Medikamententests von damals zu wenig beschäftigt, die übrigens auch an ahnungslosen Kinder gemacht wurden. Vermutlich können sich die meisten nicht vorstellen wie viel Leid mit den Tests auch einem Kind zugefügt wurde. Viele sind davon krank geworden und ein Leben lang traumatisiert. Es ist sehr wichtig dass heute von den damaligen Medikamententests berichtet wird, wie es SRF auch macht.
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  • Kommentar von Verena Casagrande (Verena Casagrande)
    Dazu kann ich nur eines schreiben und selber erlebt: In der Schweiz werden Medikamente verkauft die in der EU verboten sind. Da frage ich mich nur wie passt dieses wieder mit der so EU freundlichen Schweizer Regierung zusammen ?
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  • Kommentar von Ruedi Hammer (Ruedi Hammer)
    Die Milliardärs-Familien Oeri/Hoffmann gehören gemäss Bilanz zu den reichsten der Schweiz. Selbstverständlich stammt deren Reichtum nicht aus diesen unbewilligten Medikamtenversuchen. Dennoch sehr gutes timing, Herr Christof Schneider !
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