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«Bilanz»-Ranking «Einige Reiche würden gerne höher bewertet»

Prahlhans oder Heimlichfeiss? Wer wirklich Zaster hat, ist alljährlich in der «Bilanz» zu lesen. Nur: Was sagen die Vermögenden zu den «300 Reichsten»? Laut Verfasser Lüscher haben einige die Liste schon schönen oder gar verhindern wollen.

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Legende: Die meisten wollen ihr Vermögen nach unten korrigieren. Aber es gibt auch andere. Keystone

SRF News: Jedes Jahr veröffentlichen Sie die Liste der 300 reichsten Schweizer. Legen die Vermögenden die Hände in den Schoss und warten, bis der Artikel publiziert ist?

Stefan Lüscher: Es gibt immer wieder Vermögende, die uns vor der Veröffentlichung zu beeinflussen versuchen. Die meisten möchten, dass wir unsere Schätzungen nach unten korrigieren, wenige würden gerne höher bewertet. Wir von der «Bilanz» legen dann den Herren und Damen unsere Berechnungen vor. Und wenn diese schlüssig aufzeigen können, dass unsere Schätzungen nicht stimmen, passen wir uns an.

Wie geht die versuchte Einflussnahme vonstatten?

Noch vor der Publikation der Liste legen wir den 300 Reichsten die Porträts vor. Weniger die Vermögenden selbst als vielmehr ihre Anwälte und PR-Berater treten mit uns dann in einen regen Email-Verkehr. Zum Abschluss findet meist noch ein Telefongespräch statt.

Einige Schlaumeier legen uns zwar ihre Vermögen vor, geben aber den Verschuldungsgrad ihrer Immobilien nicht an.
Autor: Stefan Lüscher«Bilanz»-Redaktor im Ruhestand

Was sind die Motive der Reichen, ihr angebliches Vermögen zu schmälern?

Zunächst ist es Ausdruck des Schweizer Denkens, dass man Reichtum nicht gerne öffentlich zur Schau stellt. Einige führen an, dass noch nicht einmal ihre Freunde wissen, wie reich sie wirklich sind. Und dass sie sich Sorgen machen, dass sich ihre Nächsten ihnen gegenüber plötzlich anders verhalten könnten.

Andere eher jüngere Reiche haben handfeste Ängste: Sie fürchten, dass man ihre Kinder entführt – wobei wir von der «Bilanz» der Überzeugung sind, dass ein professioneller Entführer für sein Wissen die «Bilanz» nicht braucht.

Und schliesslich scheuen einige wenige das Steueramt. Ein Herr hat mit uns um die Einschätzung seiner Gemälde-Sammlung gestritten. Diese sei Hunderte Millionen Franken weniger wert. Wir haben mit einer Expertise dagegengehalten und uns nicht erweichen lassen. Letztlich hat der Anwalt des Vermögenden zugeben müssen, dass es seinem Klienten einzig um die Besteuerung ging.

Sie fürchten, dass man ihre Kinder entführt.
Autor: Stefan Lüscher«Bilanz»-Redaktor im Ruhestand

Was treibt die anderen Herren und Damen an, die ihr Vermögen gerne nach oben korrigierten?

Aufgrund von geschäftlichen Interessen sind es vor allem Immobilien-Entwickler und -händler, die als möglichst reich gelten wollen. Einige Schlaumeier unter ihnen legen uns dann zwar ihre Vermögen vor, geben aber den Verschuldungsgrad ihrer Immobilien nicht an. Andere gehen rabiater vor: Ein Herr aus dem Wallis etwa hat vor zwei Jahren erfahren, dass er aus der Liste fällt. Er hat furchtbar getobt und mit dem Anwalt gedroht. Sein Argument: Wenn wir ihn rausnähmen, würden wir seine Kreditwürdigkeit untergraben. Wir haben ihn trotzdem gestrichen.

Wollen einzelne gar nicht in die Liste aufgenommen werden?

Gewiss. Dazu eine alte, aber bezeichnende Geschichte: Vor 25 Jahren sind drei Deutsche ins Waadtland gezogen. Sie haben uns angeboten, alle mit dem Reichstenheft verbundenen Einnahmeausfälle für mehrere Jahre zu bezahlen, wenn wir die «300 Reichsten» einstellen würden. Tatsächlich wurden sie wegen ihres Wegzugs und des damit verbundenen Steuerausfalls in Deutschland ebenda als Verräter gebrandmarkt.

Viele Reiche halten sich über Jahre unter den Top 300. Wie gestaltet sich das Verhältnis mit den Vermögenden über die Jahre?

Mit 70 Prozent haben wir guten Kontakt, mit 20 Prozent einen mässig guten Austausch, und 10 Prozent äussern sich nicht zur Liste. Unter den 70 Prozent sind übrigens nicht wenige, die erst nicht mit uns reden wollten und heute mit uns Kaffee trinken.

Die Leser begreifen immer mehr, dass nur die wenigsten Vermögenden Protzer sind.
Autor: Stefan Lüscher«Bilanz»-Redaktor im Ruhestand

Welches Echo kommt von den Lesern?

Manche ärgern sich, andere sind voller Bewunderung für die 300 Reichen. Grundsätzlich begreifen die Leser aber immer mehr, dass nur die wenigsten Vermögenden Protzer und die meisten Unternehmer sind. Heisst: dass viele Reiche ihr Geld auch dort investieren, wo nicht der höchste Profit anfällt. Und dass sie mit ihrem vielen Geld letztlich viele Unternehmen und damit Arbeitsplätze am Leben erhalten.

Das Gespräch führte Christine Spiess.

Zur Person

Zur Person

Stefan Lüscher ist beim Wirtschaftsmagazin «Bilanz» verantwortlich für die «300 Reichsten» – die jedes Jahr erscheinende Rangliste der nach geschätztem Vermögen reichsten Einzelpersonen und Familien mit Wohnsitz in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein.

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