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Kontroverse um Demenz-Pflege «Bis zu 22'000 Demente werden unnötig ruhiggestellt»

Trotz gefährlichen Nebenwirkungen erhalten bis zu 25 Prozent aller Demenz-Patienten zu viele Psychopharmaka.

Legende: Video Singen statt Pillen abspielen. Laufzeit 07:26 Minuten.
Aus Rundschau vom 21.12.2016.

Das Wichtigste in Kürze

  • Albert Wettstein schlägt Alarm: Nach seinen Berechnungen würden bis zu 22'000 Demente in der Schweiz unnötig ruhiggestellt. Wettstein ist ehemaliger Zürcher Stadtarzt und leitet jetzt die Fachkommission für unabhängige Beschwerdestelle für das Alter.
  • Die Methoden würden zur Anwendung kommen, obwohl fatale Nebenwirkungen belegt seien.
  • In der Schweiz erhielten zudem bis zu einem Viertel der Dementen zu viel Neuroleptika – also Medikamente zur Behandlung psychischer Krankheiten.
  • Der Heimverband Curaviva wehrt sich gegen den Pauschalvorwurf, den Patienten zu viele Medikamente abzugeben.

Demenzpflege ist äusserst anspruchsvoll – denn viele Demente sind depressiv, aggressiv oder verspüren den Drang, sich zu bewegen. Das fordert das Personal. Störrische Menschen medikamentös zu beruhigen statt zu betreuen sei deshalb sehr verführerisch, sagt Albert Wettstein. Der ehemalige Zürcher Stadtarzt leitet die Fachkommission der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter UBA. «Der Arzt verschreibt ein Medikament und schon ist ein schwieriger Patient einer, der einfach zu betreuen ist,» sagt Wettstein.

Zahl der Demenzkranken höher als ausgewiesen

Wettstein hat errechnet, dass in der Schweiz bis zu einem Viertel der dementen Heimbewohner zu viel Neuroleptika erhalten. Er bezieht sich auf die sogenannten RAI-Daten, die unter anderem den Einsatz von Medikamenten in den Heimen messen. Normalerweise benötigten zwischen acht bis 35 Prozent der Bewohner Neuroleptika. In der Schweiz seien es aber 47 Prozent.

Zwei Drittel der Bewohner in Alters- und Pflegeheimen litten unter Demenz. Die Zahl sei höher als das Bundesamt für Statistik angibt. «Bei vielen Patienten wird die Diagnose nicht gestellt», sagt Wettstein. Nach seinen Berechnungen werden über 22'000 Demente in der Schweiz unnötig sediert – dies obwohl fatale Nebenwirkungen bei älteren Menschen belegt sind: Sie können Parkinson auslösen, Apathie oder gefährliche Stürze verursachen. Wettstein rät: Medikamente bewusster und in kürzerer Dauer zu verabreichen.

Heimverband: Krankengeschichten seien komplex

Der Heimverband Curaviva relativiert hingegen. «Wir wehren uns gegen den Pauschalvorwurf, dass die Heime zu viele Medikamente abgeben», sagt Markus Leser, Leiter Fachbereich Menschen im Alter. Die einzelnen Krankengeschichten seien oftmals komplex und die Konzepte der Heime unterschiedlich.

Das Zeitmanagement bestimmten vielerorts den Heimalltag. Melissa Schärer arbeitet als Stationsleiterin in der Stiftung Amalie Widmer – einem Pflegezentrum in Horgen am Zürichsee. «Der Spardruck hat zugenommen. Es braucht kreative Lösungen, um weiterhin pflegen zu können wie gewohnt», sagt sie.

Singen statt zudröhnen

Die Stiftung Amalie Widmer aber geht nun neue Wege: Zwei Sozialarbeiterinnen wurden engagiert, welche mit den dementen Bewohnern deren Lieblingslieder einüben. Denn zahlreiche Studien belegen, dass sich Musik positiv auf die Dementen auswirkt. Melissa Schärer: «Bei uns ist eigentlich auch kein Budget vorhanden für solche Projekte. Doch wir haben gemerkt: Mit Musik lassen sich die Patienten besser motivieren und beruhigen – und so rascher pflegen.» Und schlussendlich könne das Pflegepersonal so oftmals auf das Verabreichen mancher unnötiger Medikamentendosis ganz verzichten.

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Angst hat so viele Gesichter. Angst ist auch gut, Aufmerksam zu sein. Aber wenn man von einer Epidemie spricht, erzeugt das Angst bei vielen sensiblen Menschen. Wir können nicht auf alle Rücksicht nehmen, aber ein klein wenig Verständnis, dass wir alle unterschiedlich sind und deshalb auch verschieden reagieren.
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Sollte zum Beitrag Grippe Epidemie. Sorry
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  • Kommentar von Karl Suter (glaubenstreu)
    Dement ist doch eine erfundene Krankheit für alte Menschen, damit noch möglichst viel Geld mit ihnen gemacht werden kann. Dabei müsste man immer aktiv im Denken und in den körperlichen Bewegungen sein. Zudem ist das Allein sein nicht gut, gemeinsam und aktiv hält jung und stärkt das Gedächtnis. Ebenfalls sollte man jeden Tag dem lb. Gott im Gebet ein DANKESCHÖN sagen, für alle Wohltaten die wir jeden Tag von ihm erhalten. Das oben geschriebene ist meine eigene Erfahrung mit 76 Jahren.
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    1. Antwort von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
      Vielleicht mögen Sie recht haben, was alte Leute betrifft. Aber Alzheimer ist mit Sicherheit keine erfundene Krankheit, da sind auch jüngere Leute betroffen und der Verlauf ist für alle Beteiligten erschütternd.
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    2. Antwort von Fabienne Uhlmann (Cueni)
      Ihr Kommentar ist respektlos und ein Hohn gegenüber den Menschen, welche an Demenz leiden, ein Hohn und respektlos gegenüber den betroffenen Angehörigen sowie dem Pflegepersonal in Spitälern und Heimen, welche sich um diese kranken Menschen kümmern! Es gibt genügend Möglichkeiten, sich über diese Krankheit zu informieren, vielleicht auch mal mit einem Besuch in einer Demenzabteilung, wo Ihnen die Fachleute auch den Unterschied zwischen Alzheimer und Demenz erklären können!
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Das belastet die Krankenkassen zusätzlich.
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